Gedichten kann nicht widersprochen werden

Stephanie Butland: Ich treffe dich zwischen den Zeilen

(Roman, erschienen 2017 bei Knaur)

Die Story

In diesem Roman geht es um die Kraft von Poesie und die Geschichten einiger sehr spezieller, aber liebenswerter Figuren.
Archie, ein älterer, schrullig-eleganter Herr, ist ein Genussmensch und kennt Gott und die Welt. Zumindest erzählt er viele Geschichten von Begegnungen rund um die Welt. Er ist Inhaber der antiquarischen Buchhandlung, in der Loveday arbeitet. Und er ist nicht nur Lebemann und Chef. Er ist auch jemand, der die Menschen so annimmt, wie sie sind. Der sich nicht einmischt, sie aber dennoch mit seinem guten Gespür für ihre Sehnsüchte mit sich selbst in Kontakt bringt. So wird er auch Loveday ein unaufdringlicher Freund, er vertraut ihr und gibt ihr Sicherheit.
Loveday, die Hauptfigur des Romans, findet und erarbeitet sich ganz viel: ein Buch, einen Freund, Mut, Poesie, Kraft, Verletzlichkeit, sich selbst… Aber von vorne. Auf dem Weg zur Arbeit findet sie einen verlorenen Gedichtband und ist empört über dessen achtlosen Besitzer. Sie hängt einen Zettel an die Antiquariatstür und findet so schließlich zu Nathan.
Der charmante Nathan macht als Brotberuf „Zauberei zum Anfassen“. Ansonsten veranstaltet er Poetry Slams, wo er auch selbst vorträgt. In dem ersten Gedicht, das Loveday von ihm hört, heißt es (Zitat von Seite 46f):

Manchmal denke ich, ich möchte ein Buch über mein
Leben schreiben,
Damit ich es dir – oder einer anderen Person, der ich zum
ersten Mal begegne – zum Lesen geben kann und du
nicht versuchen musst, mich zu lesen.
Du kannst es mitnehmen und entscheiden, ob es sich
Lohnt, mir deine Zeit zu schenken.[…]

Wann immer ich mich hinsetze, das Buch zu schreiben,
stoße ich auf Hindernisse.
Es gäbe so viele Geschichten zu erzählen.
Mal wäre ich Dichter, mal Zauberer, mal gescheiterter
Mathematiker.
Mal wäre ich glücklich, mal melancholisch, mal einsam.[…]

Und ich mag es, die Freiheit zu haben, eine andere Ge-
schichte zu erzählen.

Diese Form der Stage-Poetry wirkt ansteckend. Loveday beginnt, ihre eigene Poesie ernst zu nehmen, an ihren Gedichten zu arbeiten, sie vorzutragen, wenn auch zunächst noch etwas trotzig. So erklärt sie in einem ersten Gedicht „Bücher sind anständig“ (Zitat S. 120f):

[…] Ich mag Bücher, denn sie mischen sich nicht ein.
Still, ganz still, sitzen sie im Regal,
wer du bist, ist ihnen egal.[…]

Und das Schönste ist für Loveday, dass Gedichten nicht widersprochen werden kann. Loveday braucht Literatur, gegenüber Menschen zeigt sie sich eher verschlossen. Durch die Nähe zu Nathan und durch Archies väterlich-freundschaftlichen Rückhalt findet Loveday den Mut, sich ihrer persönlichen Geschichte zu stellen. So erfährt die Leserin in Rückblicken, was in ihrer Kindheit in ihrer Familie geschehen ist, warum sie sich zurückgezogen hat und lieber im Buchladen als unter Menschen ist, wie ihr Archie geholfen hat und welche Bedeutung die tätowierten ersten Sätze bestimmter Bücher für sie haben. Im Laufe des Romans begibt sich Loveday auf eine Reise in ihre Vergangenheit und zu sich selbst. Sie emanzipiert sich von ihrer Familiengeschichte und erzählt schließlich davon in einem Slam Gedicht. So berührt sie und wird endlich selbst berührbar.
Wie ein Störfaktor taucht immer wieder Rob auf. Ebenfalls in Rückblicken wird erzählt, wie Loveday zu ihrem ersten Freund fand und sich bald von ihm trennte. Rob jedoch erscheint psychisch belastet und stellt ihr immer noch nach. Ein Widersacher auf ihrem Weg, der in seiner Ausweglosigkeit für ein dramatisches Finale sorgen wird.
Das Ende des Romans ist dennoch zugegeben recht amerikanisch kitschig: dramatisch, ein bisschen vorhersehbar, traurig, pompös, unrealistisch, hoffnungsvoll. Und es sei der Autorin gegönnt, sich ihre Romanwelt zu schreiben, wie sie diese gern hätte. Es lebe die autonome Autorin 😉!

Was macht diesen Roman zu einem ganz besonderen?

Ich finde es schön, dass die Slam-Gedichte von Nathan und Loveday im Text abgedruckt sind. Die Gedichte eröffnen Nathan und Loveday einen Raum, um sich zu sagen, wofür sie sonst nicht den Mut und die Worte haben. Als Leserin darf ich wie eine stille befreundete Beobachterin Anteil nehmen und merken, wie sich die Beziehung der beiden zueinander aber eben auch ihre jeweilige Beziehung zu Büchern und zu Poesie verändert. Erzählt Loveday in ihren Gedichten anfangs noch vorsichtig von Büchern als Rückzugsorte und unaufdringliche Freunde, lässt sie immer mehr Persönliches zu und öffnet sich am Ende selbst-bewusst mit ihrer Familiengeschichte, sie sagt, was ihr widerfahren ist und was sie braucht.
Und auch Nathan will sich anfangs nicht festlegen, welche seiner Leben er in einem biographischen Buch offenbaren würde. Ganz der Zauberer lässt er sich nicht in die Karten gucken. In einem nächsten Gedicht erzählt er, wie er nach dem Verlieren seines Buches jetzt auf die Dinge im Bus achtet. Welche Abenteuer beginnen mit einem verlorenen Schlüssel, Kinotickets, Pyjamas… Persönlicher noch gesteht er bald, dass er sich ein unaufgeregtes Zusammensein wünscht ohne den Stress der Eroberung. Und schließlich trägt er Loveday öffentlich an, wie sehr er die Zweisamkeit mit ihr vermisst.

Das Buch als Schreibende gelesen:

Und als selbst Schreibende kann ich die Ideen aufgreifen und Gedichte verfassen über die Fragen: Welche geheimnisvollen Dinge finde ich auf meinen Wegen? Wer hat sie verloren und was erlebt derjenige jetzt ohne das Ding? Welches verlorene Ding hat mir ein Abenteuer beschert? Über welche meiner Leidenschaften würde ich in einer Biografie besonders gern etwas erzählen? Welches Buch über mich sollte jemand lesen, um zu entscheiden, ob er sich auf eine persönliche Beziehung mit mir einlassen mag? Wohin flüchte ich mich, wenn ich der Welt mal eben überdrüssig bin? Was brauche ich, wenn ich mit Menschen zusammen bin?