Beschütze dich, beschütze dein Schreiben.

Beschütze dich, beschütze dein Schreiben.

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Der Roman beginnt ziemlich unvermittelt mit einer Ansprache der Mutter an ihre Tochter zu ihrer Geburt. Sie erzählt, wie Hekla nach einem isländischen Vulkan benannt wurde, der vier Jahre nach ihrer Geburt tatsächlich ausbrach. Der Vater packte das Kind ins Auto und musste sich leibhaftig davon überzeugen, „ob der Anblick beeindruckend und furchteinflößend sei und ob der Boden bebte.“ (S. 17) Und diese erste Reise hatte Hekla verändert, sie sprach nun Vulkanisch und schaute in den Himmel. 

Der Roman erzählt aus Heklas Perspektive von einem Lebensabschnitt ihrer Freundin Isey, ihres besten Freundes Jon John, ihres namenlosen Liebhabers oder Freundes (da sind sie sich nicht richtig einig) und natürlich von ihrem eigenen Erleben. Nach der Ansprache der Mutter teilt sich der Roman in zwei Teile. Der erste spielt auf Island und trägt den Titel „Mutterland“. Hier reisen wir 1963 mit der 21jährigen Ich-Erzählerin in Islands Hauptstadt. Ein Aufbruch ins Erwachsenenleben, ein Leben in der Stadt. Sie will dort eine Arbeit finden. Und schreiben. Bezahlte Arbeit und Schriftstellerei waren damals keine typischen Beschäftigungen für Frauen. Und darum erzählt der Roman auch von der Herabwürdigung, Sexualisierung und Ungerechtigkeit, die Frauen in ihrem Alltag damals erleben mussten und insbesondere, wenn sie als Verkäuferin, Kaltmamsell (Serviermädchen) oder Zimmermädchen arbeiteten. Andere Tätigkeiten wurden ihnen nicht zugebilligt, sie wurden schlechter bezahlt als die Kellner und Barkeeper, mussten sich Berührungen und anzügliche Sprüche von Chefs und Gästen gefallen lassen, wenn sie nicht rausgeworfen werden wollten. Und dieses Frauenbild von fürsorglichen, eventuell im Service arbeitenden, hübschen, ungebildeten, untergebenen Frauen war derzeit in Island offensichtlich verbreitet. 

Hekla arbeitet in Reykjavik als Serviermädchen und bekommt bereits auf der Hinreise und später wiederholt das Angebot, an einer Misswahl teilzunehmen, bei der eigentlich nur die Veranstalter gewinnen. Zunächst aber erfahren wir, wie es Isey geht, ihrer Freundin aus Kindheitstagen, die schon seit einiger Zeit in der Hauptstadt wohnt. Denn die besucht sie zuerst. Isey wohnt mit ihrem Mann und dem Kind in einer Kellerwohnung. Der Mann geht raus zur Arbeit, sie bleibt im Dunkel unten. Sie kommt kaum raus, bedauert sich und hinterfragt ihre Lebenssituation, die sich jedoch mit der Zeit immer weiter lichtet. Und sie schreibt auch, aber heimlich, in ihr Tagebuch. Davon erzählt sie ihrer Freundin ausführlich. Dieses Tagebuch versteckt sie an Orten, wo ihr Mann es niemals zufällig entdecken würde, z.B. im Putzzeug. Und wir Lesenden erfahren über Iseys Schreiben eigentlich das meiste: Denn Isey erzählt Hekla, welche sprachlichen Bilder sie beim Schreiben findet, dass sie Situationen beobachtet oder Gespräche aufschnappt und diese dann mit ihrer Fantasie auf dem Papier verwandelt in träumerische Sequenzen bis hin zu ganzen Geschichten. 

Hekla selbst wohnt bei ihrem besten Freund, Jon John, den sie aus ihrer Jugend im Dorf kennt. Jon John wohnt in einer einfachen Dachgeschosswohnung, aber auch er hatte zuvor in zwei Kellerzimmern gewohnt, sogar von der Polizei überwacht, denn er war als schwuler Mann bekannt. Und das bedeutete Diskriminierung und Gewalt. Deshalb versucht er mit seiner Arbeit möglichst rasch Geld zu verdienen, um Island verlassen zu können. Als Seemann erlebt er einerseits die Weite der Reisen, bringt Schätze mit wie moderne Klamotten, englischsprachige Bücher für Hekla und Nachrichten wie die von Martin Luther Kings Traum. Aber er ist zugleich auf dem Schiff einer beklemmenden Enge und stetigen Gefahr ausgesetzt, falls die anderen Männer sein Geheimnis erkennen würden. Und doch hält er mit Blick auf seinen Traum durch und fördert Hekla, damit auch sie sich verwirklichen kann. 

Hekla schreibt zunächst am Dachfenster mit Blick in die Sterne. Sie schreibt in all ihrer freien Zeit an einem neuen Roman. Außerdem hat sie schon begonnen, Englisch zu lernen, besucht die Bibliothek und liest viel. Und doch verbirgt auch sie ihr Schreiben vor ihrem neuen Liebhaber, dem selbsternannten, aber erfolglosen, weil unproduktiven Mann, den sie nur „mein Dichter“ nennt. Und der käme nicht auf die Idee, sie könnte auch eine Künstlerin sein. Als er ihr sein Zimmer und die dazugehörigen Räume zeigt, in denen sie künftig mit leben soll, schauen sie sich die Küche an. „…in der Ecke unter der Dachschräge ein kleiner Küchentisch, an dem ich mir vorstellen könnte zu schreiben. „Hier kannst du kochen“, sagt der Dichter.“ (S. 115) Er sieht in ihr seine süße Freundin, auf die er stolz sein kann, weil sie so hübsch ist mit ihrer Mütze und ihren Haaren und ein Freund findet, dass sie „ihn an eine junge, ungezähmte Stute erinnern“ würde (S. 137). Ahnungslos geht er regelmäßig ins Café zu seinen intellektuellen Dichtertreffen, spricht über Poesie und fühlt sich besonders, während Hekla wirklich schreibt. Heimlich. „ich möchte so gern weiter jeden Tag die Welt erfinden, ich möchte keinen Fisch auf dem Siemens-Herd kochen und im Burg bedienen, mit dem silbernen Tablett von einer Zigarrenwolke zur nächsten gehen, ich möchte den ganzen Tag Bücherlesen, wenn ich nicht gerade schreibe.“ (S. 126) Und so schreibt sie vorerst heimlich, bis ihr Dichter sie beim Schreiben „erwischt“ und ihn diese Offenbarung erschüttert. Es rüttelt an seinem Verständnis von sich als Dichter und Freund, es verändert seinen Blick auf Hekla und damit auch ihre Beziehung. Immerhin hat sie schon geschafft, was er gerade versucht. Sie hat bereits Texte in Zeitschriften veröffentlicht. So lange hat sie ihre Schreibmaschine zwischen ihren Sachen versteckt. Und selbst vor uns Lesenden verbirgt sie ihr Schreiben. Denn im Verlaufe der Geschichte dürfen wir sie zwar gelegentlich dabei beobachten, wenn sie es geschafft hat, sich Schreibzeit zu erobern. Gelegentlich erfahren wir auch, dass ihre Texte unkonventionell sind, dass der Verleger selbst damit überfordert ist und sowas seinem Publikum noch nicht zumuten will. Mehr verrät sie aber erstmal nicht. 

Und dann kommt Bewegung in ihr Leben, als sie schließlich mit ihrem besten Freund Jon Entscheidungen trifft und sich von der Insel wagt. Hier beginnt der zweite Teil „Autorin von heute“. Und hier wird es besonders deutlich: Alle Hauptfiguren erleben Beschränkungen und sehnen sich nach einem Leben, in dem sie sich entfalten und echt sein können. Sie sind junge Künstler, Träumende, Menschen. Sie gehen damit verschieden um. Aber sie alle kämpfen um ihre Räume. Und sie alle geben etwas auf, lassen etwas zurück.

Ich habe Kritiken zu dem Buch vernommen, die bemängeln, dass die Figuren zu eindimensional und die Geschichte nicht zu fühlen seien. Das habe ich nicht so empfunden. Wir erfahren alles durch Heklas Erzählung. Und die ist überwiegend wie ein Bericht. Wir bekommen wenig konkrete Inneneinsicht, die Figuren sprechen nicht alle klar aus, wie sie sich fühlen. Mir gefällt, die trockene, kühle bis zynische Darstellung ohne Gefühlsduseleien. Und ich stelle mir gern vor, dass Heklas Texte auch so sind. Das Fühlen wird uns Lesenden überlassen. Wir sind gefordert, uns in sie einzufühlen und ihr Handeln, ihre Entscheidungen zu deuten. Als Hekla sich bei einem Bäcker vorstellte, endete das Gespräch und das Kapitel (nachdem sie sich noch woanders bewirbt) so:

„Ich könnte mir vorstellen, dass die Zimtschnecken weg gehen wie nichts, mit dir hinterm Tresen. Die Schuljungen werden dich mit offenen Mündern anstarren – mit so einer Taille und solchen Hüften!“ 

Dann will er wissen, wo ich wohne. 

Ich sage ihm, dass ich bei einem Freund wohne, bis ich ein Zimmer gefunden habe. 

„Ist das dein Verlobter?“ 

„Nein.“

„Du könntest auch bei mir wohnen“, schlägt er vor. “Ich habe ein freies Zimmer im Keller.“

Wie konnte man sich da nicht mit Hekla aus dem kalten und menschlich grauen Island der sechziger Jahre wegsehnen…

Für uns Schreibende gewinnt der Roman noch eine weitere Ebene hinzu. Es ist spannend, zu lesen, wie die Freundinnen Hekla und Isey über ihr Schreiben sprechen, wie sie es verstecken, beschützen, aufgeben, aufrechterhalten. Und hier ist sogar Isey besonders interessant, weil wir mitverfolgen können, wie sie sich als Schreibende entwickelt. Anfangs schreibt sie „am liebsten im Morgengrauen in mein Tagebuch. Wenn die Konturen der Welt noch verschwommen sind. Bei mir kann es durchaus sechs, sieben Seiten dauern, bis es hell wird.“ Später schreibt sie Dialoge, sie schnappt in ihrem Alltag Gespräche auf und schreibt, was die Leute sagen und was sie nicht sagen. „Stell dir vor, Hekla, ich laufe mit Notizblock und Stift in der Handtasche herum!“ (S. 84) Sie gönnt sich hübsche Notizbüchlein als einzigen Luxus und schreibt schließlich ganze Geschichten und Gedichte. Hekla schreibt anfangs wie ihr Vater. Der ist Naturwissenschaftlicher und macht viele Tagebuchaufzeichnungen, beschrieb Naturphänomene, Wetter, Vulkane. Neben Heklas bestem Freund, sind der Vater und der Bruder, zwar weit entfernt im Heimatdorf, doch die Menschen, die ihr Schreiben unterstützen. Denn wenn sie schreibt, „dann wird die Welt größer“. (S. 125). 

Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island

(Roman, auf Deutsch erschienen 2021 beim Insel Verlag/Suhrkamp; original 2018, aus dem Isländischen übersetzt von Tina Flecken)