Es ist wieder so weit… November ist nanowrimo-Zeit!

Viele kennen nanowrimo und sind seit Jahren diesem Schreibevent verfallen. Um genau zu sein, sind es derzeit 798.162 aktive Romanautoren. Aber mal von vorne:

Nanowrimo bedeutet national novel writing month. Das hat sich so ein Typ an der USamerikanischen Westküste ausgedacht. Idee und Ziel: Innerhalb eines Monats endlich den Roman schreiben, den man schon so lange aufschiebt.

Und damit es gelingt, sind ein paar Rahmenbedingungen gesetzt: Den ganzen November, also genau 30 Tage lang, schreibe man 50.000 Wörter. Das ist die Wortzahl des kürzesten Romans im Bücherregal von Chris Baty, dem Gründer von nanowrimo (Welcher Roman? Wird verraten in seinem Buch zum nanowrimo „No Plot? No Problem!“).

Es geht darum, in seinem Alltag Zeit zu schaffen zum Schreiben (TV aus, Smartphone weg, unwichtige Termine verschieben…), sich  Unterstützung zu holen (nette Menschen, die einem etwas leckeres zu Essen bereiten, die Kinder ins Bett bringen, zum Write-in einladen, das Gejammer anhören und motivieren, mitschreiben…) und sich einen Ort zu organisieren, an dem man ungestört oder gemeinsam schreiben kann. Es funktioniert.

Und es geht darum, eine Menge Text in einer recht kurzen Zeit zu schaffen. Das hilft, den inneren Zensor zu überlisten, diese Meckerstimme, diese Nörgeltante im eigenen Kopf, die immerzu tuttert:

Die Geschichte ist noch nicht gut genug, die Figuren sind zu flach, die Handlung zu simpel, die Sprache zu locker, die Konflikte zu konstruiert, das Problem zu banal und so weiter. Mecker mecker.

Nein, genau das soll wenigstens einen Monat lang aufhören. Erstmal geht es ums Schreiben. Einen Monat lang nur schreiben. Und dann darf der Kopf knallhart mitmischen, die Nörgeltante ist wieder herzlich willkommen, ihren kritischen Blick einzubringen: Was auf dem Papier steht, kann überarbeitet werden. Später. Und ja, laut nanowrimo-Homepage wurden inszwischen 367.913 Romane verfasst, etliche sogar veröffentlicht.

Was aber tun Sie, wenn Sie die kurzen Formen lieben?

Ja, dann schreiben Sie kurze Formen! Eine Freundin von uns schrieb etliche Kurzgeschichten. Eine Gruppe schreibbegeisterter Frauen teilte sich die Schreibarbeit für ihren Roman untereinander auf. Einzelne Geschichten lassen sich mit einer packenden Rahmenhandlung verbinden.

Ich wurde im letzten Jahr inspiriert von der Künstlerin Tina Cody. Auf ihrem Youtube-Kanal „Overall Adventures“ erzählte sie am 1.12.2017 in ihrem NaNoWriMo 2017 Vlog darüber, wie sie während des nanowrimo 2017 Gedichte schrieb. Nahezug täglich schrieb sie seitenweise Freewritings, markierte Worte und Zeilen und ließ sich davon zu Gedichten inspirieren. So hat sie im Verlaufe des Monats 103 Gedichte verfasst und in den Freewritings ihre Journaling-Routine beibehalten. Kurz zuvor erzählte sie in ihrem Nanowrimo Prep 2017-Video, wie sie sich  auf den nanowrimo vorbereitet hatte. Die Idee zu den Gedichten kam eigentlich aus der Angst heraus, aus dem Bammel davor, Liebesgedichte zu schreiben anstatt packende schmutzige, emotionale Dramen.

Von dieser nanowrimo-Gedicht-Idee hab ich mich letztes Jahr anstecken lassen, wenngleich aus Liebe zur Lyrik. Das machte Spaß. Ich hab so eine Menge ganz verschiedener Gedichte geschrieben. Und irgendwann schlich sich doch der Anfang einer Geschichte ein.

Tipps für die Vorbereitung: Schreibmaterial, Unterstützer, Schreibzeiten und Schreiborte

Schreibmaterial

Tina Cody schreibt ihre nanowrimo-Texte (Romane, Gedichte, Self Love Letters) per Hand. Bei der Textmenge ein echtes Experiment. Aber gar nicht so verrückt. Denn beim Schreiben mit der Hand kommt man sich näher, man sieht, wie die Tinte fließt oder hört das leise Kratzen des Bleistifts, fühlt das Papier unter den Fingern, kann im Notizbuch herumrascheln, schnuppern… besonders für Gedichte ist das eine schöne Atmosphäre.

Sie brauchen also: mindestens ein Notizbuch: Ich habe ein A4-Notizbuch liniert gewählt, da passt eine Menge rein und ich mag den Überblick auf großen Seiten. Probieren Sie aus, ob sich das Buch gut aufblättern und darin schreiben lässt. Manche schicke Notizbücher sind leider zu steift und klappen gerne wieder zu. Von weiteren Videos von Tina Cody – „3 Journal Hacks (that you have to try!)“, „How to start a journal“ und „How to COLLAGE in your Journal“ – wurde ich dazu inspiriert, Notizbücher vorzubereiten: mit Seitenzahlen, einer Motivation-Station, persönlichen Regeln und Zielen, Schreibimpulsen, Seitenzahlen, einem Inhaltsverzeichnis und mit ein paar Collagen oder Bildern auf einigen Seiten als Überraschung. Schauen Sie dafür alte Zeitschriften durch. Schöne Bilder finden sich auch in kostenlosen Werbezeitschriften in Geschäften.

Stifte: Für poetische und persönliche Texte nehme ich gern den Füller zur Hand. Das Schreiben mit dem Füller fühlt sich für mich geschmeidig an, es hat etwas ursprüngliches, auch etwas ganz pures und gleichzeitig feierliches. Ich liebe es. Ich kenne aber auch Menschen, die schreiben gern mit dem Bleistift, dem Kuli, Rollerpen… einfach der eigenen Vorliebe folgen, so dass die Hand nach langen Schreibzeiten nicht schmerzt. Vielleicht möchten Sie schöne Stellen mit einer anderen Farbe unterstreichen oder markieren?

Unterstützer

Wer in Ihrem näheren Umfeld kann etwas dazu beitragen, dass Sie Zeiten ganz für sich und Ihr Schreiben genießen können? Mit wem leben Sie zusammen? Wer kann Ihnen einen Tee oder einen Obstteller an den Schreibtisch bringen? Wer kann die Kinder ins Bett bringen oder mit dem Hund gehen? Wer kann Sie trösten, wenn Ihnen eine Idee davonläuft? Wer spornt Sie an, dranzubleiben? Gibt es Menschen, die auch mitschreiben? Wie tauschen Sie sich aus? Schreiben Sie gemeinsam?

Schreibzeiten und Schreiborte

Wann und wo schreiben Sie? In dieser ganz stillen Stunde, bevor alle anderen aufstehen und der Trubel des Tages beginnt? In der Mittagspause, auf dem Heimweg, abends nach der Arbeit? In Gesellschaft in einem Café, einem Park, im Ohrensessel, in einer Bibliothek, im Wald, am Bahnhof, auf einem Balkon, auf dem Dachboden, in der Fußgängerzone, an einer Brücke, oben im Hochhaus, im Bus (bis zur Endhaltestelle und wieder zurück)… Zugegeben, für einige dieser Orte braucht man sicherlich im November schon Handschuhe oder ein warmes Plätzchen mit Blick auf diese Orte.

Vielleicht gehen Sie gedanklich nochmal einen Schritt zurück: Was brauchen Sie denn zum Schreiben? Welche Atmosphäre inspiriert Sie, welche Farben, Geräusche, Gerüche, Bilder, Menschen? Haben Sie es gern kuschelig, ruhig, mit persönlichen Dingen umgeben? Oder brauchen Sie unvorhergesehene Action oder Gemurmel im Hintergrund? Oder geschäftige Ruhe und Ordnung in Gesellschaft? Was brauchen Sie für Ihr leibliches Wohl, welche Leckereien, Spazierwege, Begleiter? Welche Ausstattung ist Ihnen wichtig? Um solche Fragen zu beantworten, empfehlen wir einen spannenden Perspektivwechsel – so wie ihn Kathrin Schmidt vormachte mit ihrem Text „Was mich beim Schreiben braucht?“

Wenn Sie wissen, was Sie brauchen, aber noch nicht wissen, wo Sie das bekommen, finden Sie hier ein paar Ideen: Schreiborte und Erinnerungsorte hat Andreas Schuster auf seinem Blog „Schreiben und Leben“ gesammelt.

Check-Up

  • Schreibidee, ggf. Motivationstipps und Regeln für sich selbst
  • Notizbuch – einfach blanko oder gestaltet
  • weich schreibender Stift, Marker oder Stift zum Unterstreichen
  • ein paar Bilder zur Inspiration (kostenlose Zeitschriften), samt Schere und Kleber, Washi Tape
  • natürlich geht alternativ ein gutes Schreibprogramm auf dem Laptop, dem guten alten PC oder gar die Schreibmaschine – übrigens gibt’s Retro-Schreibmaschinen mit moderner Technologie.
  • Naschereien – gesunde und andere
  • Lieblingsgetränke – bereithalten oder ins Lieblingscafé gehen (vorher sparen)
  • Unterstützer: wer bringt nochmal die Kinder ins Bett? Wen kann ich anrufen und vollheulen?
  • Schreibzeiten: verabreden Sie sich mit sich selsbt
  • Schreiborte: zu Hause, Orte in der Stadt, draußen, Erinnerungsorte

Und hier noch eine Idee für den 1. November

Schreiben Sie ganz frei ein bis drei Seiten lang darüber, warum Sie schreiben. Markieren Sie sich tolle Formulierungen, überraschende und überzeugende Gründe. Lassen Sie sich von Ihren eigenen Gedanken inspirieren und schreiben Sie ein Gedicht. Beginnen Sie jede Zeile mit „Ich schreibe, um…“. Man nennt dieses Stilmittel der Wiederholung „Anapher“. Sie gibt dem Text einen bestimmten Rhythmus und den Aussagen eine gewisse Aufmerksamkeit. Schreiben oder kleben Sie sich dieses Gedicht zur Motivation vorne in Ihr nanowrimo-Notizbuch.

Ich schreibe

Ich schreibe, um die Welt mir bunt zu machen
Ich schreibe, um zu spielen und zu lachen
Ich schreibe, um frei zu phantasieren
Ich schreibe, um mich auszuprobieren
Ich schreibe, um Grenzen zu überschreiten
Ich schreibe, um meinen Blick zu weiten

Ich schreibe, um innezuhalten
Ich schreibe, um Hektik gegen Ruhe zu tauschen
Ich schreibe, um meiner eignen Stimme zu lauschen

Ich schreibe, um meine Geschichte zu gestalten
Ich schreibe, um mir einen Platz zu geben
Ich schreibe  um mich und für mein Leben

Und eine Idee für den 2. November

Schreiben Sie selbst einen Text unter der Frage „Was mich beim Schreiben braucht?“ Na, wird daraus auch ein Gedicht? Welcher Gegenstand oder welche Person oder welches immaterielle Etwas braucht es, dass Sie schreiben? Wer spricht in Ihrem Gedicht?

Heftiges und poetisches Schreibvergnügen!

Wünscht Jana

PS: Noch nicht genug? Lust auf einen feierlichen Abschluss in inspirierter Gesellschaft?
Dann ab in den Workshop am 30.11.2019, denn Lyrik liebt dich!

PS: 1518 Wörter ist dieser Post lang – fast ein Tagesziel nanowrimo 😉

www.nanowrimo.org
Chris Baty: No plot? No problem! A low- stress, high-velocity guide to writing a novel in 30 days. California 2004. (Okay: bis zum Ende lesen wird belohnt: der kürzeste Roman in Chris Batys Bücherregal ist Aldous Huxley‘s Brave New World)
Schmidt, Kathrin (2010): Was mich beim Schreiben braucht. Literaturen 11 (5): 16.