Und schwups passiert es mir doch fast selbst: Ich sitze etwas paralysiert vor meinem Laptop und habe wohl schon den zehnten Textanfang gelöscht. Mir will gerade kein guter Einstieg in diesen Blogbeitrag einfallen. Da sitze ich hier und möchte über das Überwinden von Schreibblockaden schreiben und manövriere mich gerade selbst in eine hinein. Ja, ich bin eine erfahrene Schreibende. Ja, ich habe wirklich viel Wissen rund um das Thema Schreiben. Nein, ich gehe nicht jeden Text mit Leichtigkeit an. Nein, ich bin nicht vor Schreibblockaden geschützt. Jede Schreibende kann es erwischen. Und irgendwie auch bei fast jedem Text.

Da ich mich nun schon seit über 10 Jahren mit dem Schreiben beschäftige, mir unter anderem Wissen zu Schreibprozessen und Ursachen von Schreibhemmungen angeeignet habe, weiß ich, wie ich die Blockade wieder beende. Und dieses Wissen will ich mit Ihnen teilen. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen zeigen, wie Sie in vier Schritten aus Ihrer Schreibblockade herauskommen:

  1. Schritt: sich seines Schreibens bewusst werden
  2. Schritt: sich seiner Widerstände bewusst werden
  3. Schritt: sich seines Schreibvorhabens bewusst werden
  4. Schritt: sich seiner Stärken und Ressourcen bewusst werden

Noch eins vorweg. Manchmal reicht es, einfach anzufangen. Probieren Sie doch mal das aus. Sollte es Ihnen jedoch nicht helfen, sich aus der Schreibhemmung zu schreiben, dann sollten Sie die folgenden Schritte ausprobieren. Ich empfehle Ihnen, alle vier Schritte zu durchlaufen. Es kann aber auch sein, dass Ihnen schon der erste Schritt weiterhilft oder der zweite… Testen Sie aber trotzdem alle vier Schritte, um zu schauen, welcher Schritt für Sie wirklich am wirksamsten ist oder welche Kombination von Schritten. So können Sie auf jede Ihrer Schreibblockaden individuell reagieren. Denn leider muss ich Ihnen das hier noch mal mitteilen – eine überwundene Blockade heilt leider nicht vor allen anderen Schreibblockaden.

So aber können Sie die einzelne überwinden:

 

Schritt Eins: sich seines Schreibens bewusst werden

Verfassen Sie zuerst einen Text darüber, was Sie beim Schreiben braucht. Ja richtig – wer oder was braucht Sie bei Ihrem Schreiben? Diese Frage sollen Sie in einem Text beantworten. Fangen Sie beispielsweise mit diesen Worten an: „Wenn ich schreiben möchte oder muss, dann braucht mich zu allererst…“ und dann ergänzen Sie, was immer Ihnen auch einfällt. Und dann gehen Sie weiter, lassen Sie sich von Gedanke zu Gedanke tragen. Mich zum Beispiel braucht mein Bullet Journal. Mit diesem Notizbuch fange ich eigentlich jedes Schreibprojekt an, dort plane ich sie und dort mache ich meine ersten Freewritings dazu. Mein Bullet Journal braucht es, dass ich hineinschreibe und seine Seiten fülle. Genauso brauchen mich meinen warmen Socken beim Schreiben. Sie wollen mir ein wohliges Gefühl geben, ihnen ist es wichtig, dass ich mich geborgen fühle und sie ihren Zweck erfüllen.

Zu dieser Schreibübung wurde mein liebe Kollegin Jana inspiriert von einem Artikel über das Schreiben von der Autorin Kathrin Schmidt. Es geht dabei darum, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und so das Denken in neue Bahnen zu lenken, Neues zu entdecken, den Horizont über das eigene Schreiben zu erweitern.

Also was oder wer braucht es, dass Sie schreiben? Welche Gegenstände, welche immaterielle Dinge, welche Menschen brauchen es, dass Sie Ihre Texte verfassen, dass Sie sich hinsetzen und schreiben?

Nachdem Sie Ihren Text verfasst haben, lesen Sie sich ihn durch und schauen Sie, was Ihnen daran auffällt:

  • Erkennen Sie bestimmte Rituale, Ressourcen und Menschen, die Ihnen Sicherheit geben?
  • Was inspiriert Sie beim Schreiben? Was gibt Ihnen auch einfach ein gutes Gefühl beim Schreiben?
  • Achten Sie gut auf sich? Vermissen Sie etwas? Möchten Sie etwas ausprobieren?
  • Was erweckt Ihre Neugier, was motiviert Sie?

Eine Workshopteilnehmerin von Jana machte sich durch diese Übung bewusst, dass ein Tag des Aufräumens sie dringend braucht vor dem Schreiben. Sie konnte erkennen und es für sich annehmen, dass Sie vor einem Schreibprojekt bzw. einer längeren Schreibphase aufräumen musste, dass sie das saubere Umfeld fürs Schreiben benötigte und dass das Aufräumen eben keine Strategie zum Aufschieben war. Diesen Aufräumtag plant sie nun immer ein.

 

Schritt Zwei: sich seiner Widerstände bewusst werden

Im zweiten Schritt geht es darum, sich klar zu werden darüber, was Sie vom Schreiben abhält. Was könnten die möglichen Auslöser für Ihre Schreibblockade sein? Was hemmt Sie beim Schreiben?

Um sich ein Stück näher zu kommen und die Ursachen für Ihre Blockade beim Schreiben zu verstehen, führen Sie nun einen Dialog mit Ihrem Inneren Zensor oder auch mit Ihrem Schweinehund – je nach dem, wen Sie für den besseren Ansprechpartner halten. Oder gibt es noch eine andere Person oder Innere Stimme, mit der Sie mal dringend über Ihr Schreiben oder Schreibvorhaben sprechen möchten? Gehen Sie in ein fiktives Gespräch entweder mit dem ollen Meckerkopf, der ständig alles kritisiert, Zweifel sät und Sorgen äußert. Oder sprechen Sie mit dem Schweinehund, der sich auf Ihrem Sofa breit gemacht hat, mit der Schokolade winkt und Ihnen zu den ungünstigsten Zeiten einflüstert, dass Sie doch mal wieder nach schönen Ideen auf Pinterest stöbern könnten.

Beginnen Sie vielleicht so:

Ich:           „Lieber innerer Zensor, du redest mir schon seit einiger Zeit immerzu dazwischen, sodass ich mich gar nicht richtig auf mein Schreiben einlassen kann. Was ist denn los mit dir? Gibt es etwas, was du mir sagen möchtest?

Zensor:  „Danke, dass du mich endlich fragst! Ich wollte dir schon längst sagen, dass….“

Schauen Sie anschließend, was Ihnen der Innere Zensor oder Schweinehunde eigentlich sagen möchte? Wovor möchte diese Stimme Sie warnen oder gar bewahren? Was ist noch nicht zu Ende gedacht? Was möchte zum Beispiel der Innere Zensor abgesichert haben? Wo müssen Sie nochmal ran? Und welche Zweifel können Sie getrost ausräumen? Oder was bietet Ihnen der Schweinehund an? Achten Sie vielleicht gerade nicht so auf sich? Will er auf etwas bestimmtes aufmerksam machen? Was also hält Sie vom Schreiben ab?

 

Schritt Drei: sich seines Schreibvorhabens bewusst werden

Nun möchte ich, dass Sie sich Ihrem aktuellen Schreibvorhaben widmen, das Schreibvorhaben, bei dem Sie eine Schreibblockade entwickelt haben. Ähnlich wie in Schritt Eins versuchen Sie nun zu ergründen, warum Sie diesen einen Text verfassen möchten oder sollen. Stellen Sie sich in einem frei geschriebenen Text folgende Fragen und versetzen Sie sich beim Beantworten in die  Perspektive Ihres Textes bzw. Ihrer Lesenden.

  • Warum braucht es der Text, dass Sie ihn schreiben? Was soll in diesem Text ans Tageslicht kommen, was möchte mal gesagt werden? Vielleicht schreiben Sie einen Text nur für sich, einen Tagebucheintrag oder eine Geschichte über etwas, was Sie beobachtet haben? Was ist da wichtig? Oder schreiben Sie für eine Leserschaft und möchten dringend Ihre Gedanken zu einem Thema teilen?
  • Welche Leserschaft braucht es, dass Sie diesen Text verfassen? Viele Dinge sind schon geschrieben worden. Natürlich. Aber deswegen heißt das noch nicht automatisch, dass Sie nicht auch darüber schreiben sollten. Mit Ihren Worten, mit Ihrer ganz eigenen Stimme. Und es gibt da ganz sicher eine Leserschaft, die es genau mit Ihren Worten lesen und begreifen oder sich berühren lassen möchte.

Schauen Sie sich nach dem Schreiben Ihre Texte in Ruhe an und unterstreichen Sie, was Ihnen auffällt, was Ihnen daran ein gutes Gefühl gibt, wo Sie automatisch zustimmend nicken. Und dann machen Sie daraus eine Liste mit all den Dingen, die Ihnen für Ihr Schreibvorhaben wichtig sind.

Zum Beispiel:

  1. Ich will diese Übung/Idee verbreiten.
  2. Ich will damit anderen Menschen helfen.
  3. Ich will so schreiben, dass andere ermutigt werden.
  4. Ich will einen wichtigen Schritt in meiner Karriere gehen.
  5. Ich will endlich den Traum vom eigenen Buch erfüllen.

 

Schritt Vier: sich seiner Stärken und Ressourcen bewusst werden

Zum Schluss werden Sie sich für Ihr Schreibprojekt wappnen, sich Mut und Kraft holen. Dazu legen Sie Schmeichellisten an, mit denen Sie sich vor Augen führen, warum gerade Sie diesen Text schreiben sollten, was Sie beim Schreiben gut können, welche Fähigkeiten Sie besitzen und über welche Ressourcen Sie verfügen. In zwei Listen sammeln Sie, was Sie ermutigt und stärkt – fachlich, methodisch, kreativ & persönlich, gesundheitlich.

Bereiten Sie dafür Ihr Blatt wie folgt vor: Teilen Sie Ihr Blatt in zwei Spalten. In die linke Spalte notieren Sie die Überschrift Das kann ich gut (beim Schreiben). In die rechte Spalte kommt die Überschrift Das tut mir gut. Nummerieren Sie beide Spalten listenartig von 1 bis 30.

  • Legen Sie los mit der ersten Liste Das kann ich gut und tragen Sie alles ein, was Sie gerade beim Schreiben gut können. Notieren Sie ruhig auch, was Sie sonst noch gut können, was vielleicht nicht immer direkt mit dem Schreiben zu tun hat und doch Ihr Schreiben beeinflussen kann. Dazu könnte zum Bespiel zählen, dass Sie gut Ihre Arbeitszeit organisieren können oder dass Sie schnell Dinge herausfinden, gut recherchieren können. Möglicherweise können Sie auch besonders gut Kaffee kochen? Oder gut zuhören, sich Hilfe holen, selbst klugscheißen oder offen für neues sein, witzig sein, zeichnen, gut Pausen machen, mit den Kindern spielen oder mit dem Hund spazieren…
  • In der zweiten Listen Das tut mir gut notieren Sie mindestens 30 Dinge, die Sie beim Schreiben unterstützen, die Ihnen das Verfassen von Texten erleichtern und die Sie sich in den Pausen gönnen möchten. Dazu könnte das Notizbuch zählen, ein schönes Lesezeichen, der gemütliche alte Ohrensessel, der wärmende Kräutertee oder auch die beste Freundin, die sich geduldig Ihr Gejammer anhört und dann einen kleinen motivierenden Schubs gibt. Obstsalat in einer bunten Schale, die Pulswärmer, die Oma gestrickt hat… Für die Pausen oder zur Belohnung: Ein heißes Bad oder der Sprung in den Pool (je nach Jahreszeit versteht sich). Eine große Runde mit dem Fahrrad. … Was also motiviert Sie zum Schreiben? Was macht das Schreiben für Sie zu einem besonderen Erlebnis? Was lässt Sie schneller am Schreibtisch sitzen oder länger durchhalten?

Alles, was Ihnen wichtig ist, darf auf Ihre Listen. Die 30 Punkte sollten Sie versuchen auszufüllen, sodass Sie auch ein bisschen um die Ecke denken und ganz unerwartet spannende Sachen ans Tageslicht kommen. Ich kann beispielsweise innerhalb von 5 Minuten Verspannungen raustanzen – Musik laut und einmal ordentlich abgezappelt und schon kann ich mich wieder konzentrieren. Und mir tut Austausch über mein Schreiben gut – in Schreibgruppen, in Workshops oder im Coaching.

Wenn Sie Ihre Listen fertig haben, unterstreichen Sie, was Sie gleich für Ihr aktuelles Schreibprojekt nutzen wollen. Was kam in den Listen zum Vorschein, was Sie nun nutzen können? Gibt es etwas, dass Sie in Ihre Schreibzeiten einbauen wollen? Müssen Sie vielleicht noch etwas besorgen (ein inspirierendes Notizbuch, frisches Obst, einen Hund)? Oder etwas vorbereiten (aufräumen 😉), bevor Sie loslegen können? Was motiviert Sie am meisten, um nun mit dem Schreiben zu beginnen?

Heben Sie sich diese Listen auf! Hängen Sie sich die Listen gut sichtbar bei Ihrem Schreibplatz auf oder kleben Sie sie in Ihr Notiz- oder Tagebuch. Schauen Sie immer mal wieder auf die Listen, besonders wenn Sie ins Stocken geraten, und holen sich eine Portion Schmeichel ab – streicheln Sie Ihre zweifelnde Schreiberin-Seele mit diesen schönen Worten.

Ausprobieren und Annehmen

Schreibblockaden können aus ganz unterschiedlichen Gründen entstehen: Mal weiß man nicht so richtig, warum man diesen Text eigentlich schreibt. Mal ist einem die Aufgabe oder das Ziel des Textes noch nicht klar. Ein anderes Mal beschäftigen einen gerade ganz andere Dinge, die sich so in den Vordergrund drängen, dass einfach kein Platz für das Schreiben ist und diese Dinge zuerst geklärt werden müssen. Mal fehlt einem eine inspirierende Methode zum Anfangen oder die eigene Schreibstrategie lässt einem bei diesem einen Text irgendwie im Stich…

Es gelingt leider nicht immer, einfach eine Schreibtechnik auszuprobieren und schwupps hat sich die Blockade aufgelöst. Schreibblockaden sollten ruhig individuell betrachtet werden, genauso wie Sie als Schreibende. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich mit diesen vier Schritten bewusst werden, was hinter Ihrer Schreibblockade steckt und was Ihnen liegt, um sie zu lösen. Seien Sie geduldig mit sich, hören Sie auf Ihre inneren Stimmen, lernen Sie Ihr Schreiben besser kennen und nehmen Sie Ihre Schreibmarotten an.

Ich wünsche Ihnen ein gelingendes Schreiben,

Herzlichst Ihre Nora

PS: Sollte Ihr Innerer Zensor allzu laut sein und immer wieder stören, dann schicken Sie ihn mal in den Urlaub. Ein oder zwei Wochen an der Ostsee oder in den Alpen?