Unter dem Begriff Kreatives Schreiben wird ziemlich viel verstanden. So umfasst er zum einen Schreibspiele bzw. Schreibübungen, die den Schreibprozess anregen und zu einem Schreibprodukt führen wie einem Roman, einer Kurzgeschichte aber auch einem wissenschaftlichen Artikel. Bei diesen Schreibübungen geht es unter anderem darum, sich auszuprobieren, auf Ideen zu kommen, verschiedene Schreibstile zu testen oder Schreibblockaden zu lösen. Vor allem wird dabei der Schwerpunkt auf den Schaffensprozess gelegt und nicht so sehr das Produkt in den Vordergrund gestellt. Zu solchen Schreibübungen gehören zum Beispiel Freewriting, Akrostichon, Clustering sowie Schreiben zu einem Gegenstand oder einen Textanfang weiterschreiben. So liebe ich das kreative Schreiben einerseits als literarische Spielwiese, als Form künstlerischen Ausdrucks. Im Geschichten erfinden, im Märchen schreiben, im Verse drechseln erschaffe ich etwas, probiere Bilder aus, reime, fabuliere, flunkere, träume und zuweilen überrasche ich mich selbst mit meinen Worten.

Kreatives Schreiben fürs Selbstcoaching

Und natürlich schätze ich kreatives Schreiben ebenso als Tagebuchtechnik oder Selbstcoachingmethode, um Themen zu verarbeiten, aus anderen Perspektiven zu betrachten, um dem Bauchgefühl eine Stimme zu geben, um Kraft zu schöpfen aus den eigenen Worten, um Entscheidungen zu treffen. Kreatives Schreiben zählt zu den Instrumenten der Selbsterkenntnis, denn bei kreativen Schreibübungen setzen wir uns mit unseren Gefühlen, Handlungen, Erlebnissen, Erfahrungen, Wünschen, Bedürfnissen, Träumen, Ängsten und Werten auseinander (Haußmann/Rechenberg-Winter 2013: 18), mal ganz bewusst, mal unbewusst. Beim kreativen Schreiben erlebe ich meine ganz eigene Autorität, ich höre mir zu, ich sorge für mich. Im kreativen Schreiben vertraue ich mich mir selbst an und werde gelassener.

Die positive Wirkung des kreativen Schreibens auf unser Leben

Kreative Schreibübungen sind vielfach darauf angelegt, Assoziationen hervorzurufen, unbewusstes Wissen zu aktivieren, Gedanken und Ideen miteinander zu verknüpfen, die Perspektive zu wechseln, Neues zu entdecken und zu erschaffen. Beim Schreiben verbinden wir uns mit unseren Erlebnissen, unserem Wissen, unseren Gefühlen und überführen sie in Sprache und Text. Bestimmte Themen, die uns bewegen, uns besonders beschäftigen, die in unserem Leben immer wieder auftauchen, kommen auch im Schreiben immer wieder ans Tageslicht, zeigen sich in unseren Texten. Mit dem kreativen Schreiben gehen wir auf eine spielerische Entdeckungsreise zu uns selbst. Und so kommt es, dass kreatives Schreiben verschiedene Wirkungen hervorrufen kann; es kann uns beispielsweise entlasten, da wir Gedanken und Gefühle auf dem Papier abladen, es kann uns Klarheit verschaffen, da wir sehen, was uns bewegt und ausmacht. Weiteres zu den verschiedenen Wirkungsweisen des Schreibens finden Sie unter anderem in unserem Blogpost 5 gute Gründe Tagebuch zu schreiben .

Flow erleben und persönliche Themen klären für mehr Gelassenheit

Eine der Wirkungsweisen des kreativen Schreibens ist eben auch, dass wir im kreativen Akt entspannen und eine gelassenere Haltung erlangen können: Wenn ich eine kreative Schreibübung durchführe, zum Beispiel ein Freewriting mache oder eine Geschichte zu einem Bild schreibe, dann vergesse ich in kürzester Zeit die Welt um mich herum. Dann tauche ich ab in den Schreibprozess, gebe mich ganz meinem Gedankenstrom und meiner Phantasie hin und erlebe den so genannten Flow. Im Flow-Zustand fühlen wir Glück: Alles in uns konzentriert sich auf die eine Aufgabe, die uns gelingt, die uns Freude bereitet und uns herausfordert, ohne uns zu überfordern. Es gibt auch andere Wege, um abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen. Doch das Schreiben hat so seine Vorteile. Es kostet mich kaum Geld, denn ich brauche nur einen Stift und etwas Papier. Ich kann im Prinzip überall und jederzeit schreiben; ich muss nicht extra irgendwohin fahren, ich muss mir keinen Termin dafür machen, ich kann es unterwegs tun, im Park, in der Bahn, auf Arbeit in der Pause und natürlich zu Hause. Und ich brauche kein Training fürs Schreiben; die meisten von uns haben die Grundlagen in der Schule gelernt und alles was es noch braucht, ist ein bisschen Mut, sich darauf einzulassen.

Widersprüchliche Gefühle verstehen und zulassen

Mein Tipp für Sie bei schwierigen Entscheidungen: Was hält Sie davon ab, eine Entscheidung zu treffen? Welches Gefühl oder welche Sorge erfüllt Sie am meisten? Unterhalten Sie sich schriftlich mit diesem Gefühl. Beginnen Sie zum Beispiel so: „Hallo liebe Unsicherheit. Ich spüre dich ziemlich oft, wenn ich an diese Entscheidung denke und dann kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Warum kommst du denn immerzu?“ Was möchte Ihnen Ihr Gefühl sagen? Was bewirkt, dass es immer wieder da ist? Gibt es vielleicht etwas, wovor es Sie beschützen möchte? Ist das denn notwendig oder können Sie diesem Gefühl etwas Beruhigendes entgegnen?

Zu guter Letzt: Sich selbst spoilern

Mit all diesen Perspektivwechseln schenken Sie Ihren inneren Stimmen Aufmerksamkeit. Sie nehmen alle Ihre Gefühle und Gedanken wahr. Indem Sie sich gespielt in sie hineinversetzen und sie ausformulieren, können Sie diese überhaupt ganz begreifen. Natürlich müssen Sie sich darauf einlassen und dürfen sich nich selbst veräppeln. Und selbst das können Sie wieder als Schreibimpuls nutzen. Sie könnten sich selbst fragen: „Warum hörst du immer auf, wenn es spannend wird? Du spoilerst und dann…“

Ich wünsche Ihnen schöne Briefe, klärende Gespräche und ganz viel Gelassenheit

Herzlich, Ihre Jana

 

PS: Gerade auch in diesen eher schwierigen Zeiten wie in der Corona-Krise kann Ihnen das kreative Schreiben helfen, Ihren Alltag zu bewältigen. Hier lesen, was Sie sonst in dieser herausfordernden Situation machen können.

Haußmann, Renate/Rechenberg-Winter, Petra (2013): Alles, was in mir steckt. Kreatives Schreiben im systemischen Kontext. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht.