Aufbruch – Warum es uns weiterbringen kann, einen Text nicht zu beenden

Da liegt dieser eine Text, der schon lange auf sein Ende wartet, der aber droht in der Schublade zu versinken. Und dann kommt die Erkenntnis, dass dieser Text nicht beendet wird. Einen Text nicht zu beenden, fühlt sich oft erst einmal wie ein Scheitern an. Wie ein Abbruch. Wie ein persönliches Versagen. Wie etwas, das man lieber verschweigt. Doch manchmal ist Aufhören kein Versagen, sondern ein Schritt in eine andere Richtung.

Wir möchten genau so eine Erfahrung mit dir teilen und über unsere nicht beendeten Doktorarbeiten erzählen. Aber eben auch darüber, warum gerade dieser Schritt uns nicht kleiner gemacht hat, sondern verständiger, klarer, freier und am Ende sogar besser in dem, was wir heute tun: dein Schreiben zu begleiten. Mit diesem Text möchten wir dir zeigen, warum das Nicht-Beenden langer Texte ein wertvoller Lernschritt fürs Schreiben sein kann.

 

Wenn ein langer Schreibweg nicht ans Ziel führt

Wir haben beide mehrere Jahre in unsere Doktorarbeiten investiert: haben Themen eingegrenzt, Forschungsfragen formuliert, Literatur gesichtet, Notizen gesammelt, Methoden durchdacht, Zwischenergebnisse präsentiert, Feedback erhalten, Entwürfe geschrieben, verworfen und wieder neu begonnen. Wir haben uns intensiv mit unseren Themen beschäftigt und Zeit, Nerven, Geld eingesetzt. Trotzdem kamen wir – unabhängig voneinander, aber in gegenseitiger Unterstützung – an denselben Punkt: Es geht nicht mehr. Also trafen wir eine Entscheidung: Wir haben die Doktorarbeiten abgeschlossen, ohne sie als Text zu beenden. Andere würden sagen: Wir haben abgebrochen.

 

Warum sich ein Abbruch oft so schwer anfühlt

Einen langen Schreibprozess loszulassen, ist nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn schon Jahre darin stecken. Da sind Gedanken wie:
„Ich habe versagt. Ich hätte nur durchhalten müssen.“
„Jetzt war alles umsonst.“
„Was denken die anderen über mich?“
„Jetzt kann ich gar nicht zeigen, wie gut ich bin.“
„Bin ich einfach nicht gut genug?“
„Ich brauche doch den Doktortitel für meine weitere Karriere. Was mache ich nun?“

Dazu kommen oft Scham, sich das einzugestehen und es anderen mitzuteilen. Und Angst: Angst, andere zu enttäuschen, alte Zweifel zu bestätigen, als unzuverlässig oder nicht belastbar zu gelten.

Von außen hörten wir dann auch Sätze wie:
„Jetzt hast du schon so viel Zeit investiert, dann bring es doch zu Ende.“
„Mach es einfach pragmatisch.“
„Schmeiß doch nicht alles weg.“
„Dann war ja alles umsonst.“

Solche Aussagen nagen. Denn natürlich fragt man sich selbst genau das auch: War die Zeit verschwendet? Hätten wir uns einfach durchbeißen sollen? War die Entscheidung richtig?

Solche Erfahrungen wirken sich auf das eigene Schreiben aus, fast unmittelbar. Und sie treffen dazu auch noch das eigene Selbstbild. Die Selbstzweifel steigen und im schlimmsten Fall wird das Schreiben ganz aufgegeben.

Wir haben das Schreiben aber nicht aufgegeben. Und heute sagen wir sogar ganz überzeugt und mit einem inneren Frieden: Die Doktorarbeit nicht zu beenden, war genau die richtige Entscheidung. Es war kein Abbruch. Es war ein Aufbruch. Diese simple und befreiende Erkenntnis verdanken wir Liane Dirks’ Buch „Sich ins Leben schreiben“.

 

Der entscheidende Satz: Der Text passt nicht mehr zu mir

Mit etwas Abstand betrachtet und im Austausch miteinander, wurde uns klar: Manchmal beendet man einen Text nicht, weil er nicht mehr zu einem passt. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Entwicklung, denn Schreiben ist nie nur ein Handwerk, eine Technik. Schreiben ist immer auch Beziehung – zu einem Thema, zu einer Textform, zu den eigenen Gedanken, zu den Bedingungen, unter denen geschrieben wird und zu sich selbst. Wenn diese Beziehungen nicht mehr stimmig sind, darf man das ernst nehmen.

 

Was wir über uns als schreibende Frauen gelernt haben

Unsere Erfahrung mit der Doktorarbeit hat uns viel über unser eigenes Schreiben gezeigt. Zum Beispiel, dass wir beide in den Strukturen der Universität nicht gut schreiben konnten.

Bei Nora wurde zum Beispiel deutlich:

Die Aussicht auf Bewertung hemmt ihr Schreiben. Auch das ständige Einwirken von außen – vor allem durch bewertende, autoritäre Personen – hat ihren Zugang zum Thema gestört. Sie braucht am Anfang eines Schreibprozesses Freiraum, Offenheit, Denken in verschiedene Richtungen und die Möglichkeit, ihren eigenen Weg zu finden. War es bei ihrer Masterarbeit noch möglich,  spürte sie bei der Doktorarbeit hingegen eine Eingrenzung, denn schon früh im Prozess wurde in Methode, Richtung und Aufbau der Arbeit eingegriffen. Das hat sie eher blockiert als unterstützt.

Bei Jana wiederum war ein entscheidender Punkt:

Das Thema wurde immer größer und verzerrter. Von außen kamen ständig neue Ideen hinzu, während der eigentliche Kern ihres Themas und vor allem das Wesen ihres Interesses nicht gesehen wurde. Auch das hat den Schreibprozess eingeengt.

Mit Abstand betrachtet, ist uns noch etwas klar geworden. Die Doktorarbeit ist ein Schreibprojekt, was viele Jahre andauert und vor allem nebenbei gemacht werden muss, neben der Arbeit an der Uni, neben der Familie, neben anderen Dingen des Lebens. Wie viele Frauen in dieser Zeit haben auch wir Kinder während des langen Schreibprozesses bekommen, wodurch unser Denken zum Schreiben, zum Vertiefen des Wissens überlagert wurde von den neuen Anforderungen als Mutter und den veränderten Bedingungen in der Familie, die oft einhergehen mit schlechtem Gewissen sowie die dadurch veränderten Rahmenbedingungen an der Universität. Wiebke Vogelaar nennt dies in ihrer Studie auch den Care Concentration Gap.

Wir beide haben erlebt, wie Schreiben davon abhängt, ob wir unsere eigene Stimme noch hören können. Und wir haben gemerkt, dass wir uns zu viel abverlangt haben, weil sich die Rahmenbedingungen während unserer Arbeit verändert haben und so verändert nicht mehr gepasst haben. Das ist uns bewusst geworden durch Journaling, eine ganz persönliche und selbstfürsorgliche Schreibform, mit der wir wieder in Kontakt mit uns selbst gekommen sind. So konnten wir endlich wieder unsere eigene Stimme hören.

 

Schreibkompetenz heißt nicht: Texte immer verfassen zu können

Eine wichtige Erkenntnis war für uns: Schreibkompetenz bedeutet nicht, jede Textform meistern zu müssen. Und sie bedeutet auch nicht, jeden Schreibprozess erfolgreich zu Ende zu bringen. Vielmehr zeigt sich eine kompetente schreibende Person darin, dass sie 

  • ihren eigenen Schreibprozess wahrnimmt
  • Schwierigkeiten ernst nimmt
  • reflektiert, was gerade passiert
  • erkennt, was sie braucht
  • merkt, was nicht mehr passt

Sich gegen das Beenden/Abschließen eines Textes zu entscheiden, kann deshalb sehr kompetent sein. Nicht jedes Loslassen ist ein Aufgeben. Manches Loslassen ist Selbstführung.

 

Nichts war umsonst

Einer der schmerzhaftesten Gedanken beim Abbrechen ist oft dieser: „Dann war alles umsonst.“ Aber das stimmt nicht. Die Jahre mit unseren Doktorarbeiten haben uns geprägt. Sie haben uns fachlich weitergebracht (wir forschten über Schreibberatung und Schreibbiographien) und unser Verständnis von unserem eigenen Schreiben vertieft. Und sie haben uns gezeigt, was wir wollen und was eben auch nicht. Wir haben gelernt, welche Bedingungen unser Schreiben braucht, was uns hemmt, was uns stärkt, welche Textformen zu uns passen und dass man auch aus einem Projekt herauswachsen kann

Wir haben also ganz wesentlich unsere Meta-Schreibkompetenz entwickelt. Das ist die Fähigkeiten, unser Verhalten zu reflektieren und Schreibprozesse zu gestalten, also Arbeitsweisen und Zielsetzungen zu korrigieren, unsere Motivation und unsere Gefühle beim Schreiben zu berücksichtigen und die Rahmenbedingungen zu verändern – bis hin zur Art des Textes.

Diese Erfahrung und diese daraus gewonnenen Kenntnisse sind heute ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. So können wir dir mitgeben, dass jeder Abbruch dich lehrt, welche Bedingungen dich produktiv machen und du mit jedem begonnen Schreibprozess deine Schreibkompetenz entwickelst. Im Abbruch kannst du vor allem die Meta-Fähigkeit der Selbstreflexion und Selbststeuerung erweitern, den eigenen Prozess zu lesen, zu steuern und Grenzen zu setzen. Betrachte jedes Schreibprojekt als die Möglichkeit, die eigene Stimme und das eigene Urteilsvermögen zu formen, Methoden auszuprobieren und dich in Selbstfürsorge zu üben.

 

Warum uns diese Erfahrung zu besseren Schreibbegleiterinnen macht

Wenn eine Person erfolgreich schreibt und publiziert, dann scheint genau sie die perfekte Wahl zu sein, um zu lernen, wie das Schreiben funktioniert, wie man erfolgreiche Texte verfasst. Doch genau die Erfahrung des Abbruchs und des Scheiterns machen uns zu guten Schreibbegleiterinnen, denn wir kennen nicht nur die „erfolgreichen“ Seiten des Schreibens. Wir kennen auch: 

  • Schreibzweifel
  • Überforderung
  • Blockaden
  • Angst vor Bewertung
  • das Gefühl, festzustecken
  • den Wunsch hinzuschmeißen
  • die Scham rund um unfertige Texte

Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn ein Text nicht funktioniert, wenn man sich im Thema oder im Text verstrickt hat.
Und wir wissen auch, wie schwer es ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Deshalb können wir dich auch gut dabei begleiten, dein Schreibprojekt und die Rahmenbedingungen zu reflektieren und eine für dich stimmige Entscheidung für oder gegen dein Schreibprojekt zu treffen.

 

Wann der Abbruch eines Text für dich sinnvoll sein kann

Solltest du mit einem Text nicht vorankommen, feststecken und dich nicht mehr in dem Schreibprozess zurechtfinden, dann schau noch mal genauer hin. Könnte es Zeit sein, den Text loszulassen? Wäre es vielleicht sinnvoller für dich, diesen Text nicht zu beenden anstatt ihn noch auf Biegen und Brechen zur Vollende zu bringen?

Stelle dir dazu die folgenden Fragen:

  • Habe ich noch das Gefühl, dass der Text meiner ist?
  • Kann ich noch das Wesentliche des Textes wahrnehmen? 
  • Kenne ich noch das Warum hinter diesem Text oder haben mir fremde Eingriffe oder Anmerkungen anderer Menschen die Sicht verstellt? 
  • Fühlt sich das Schreiben quälend an? Übersteigt der emotionale Aufwand den Gewinn?
  • Passt diese Art Text zu dem, was ich sagen möchte? 

 

Fazit: Was du als Schreibende mitnehmen kannst

Jede Schreiberfahrung bringt dich weiter und führt dich zu den Texten, die wirklich von dir verfasst werden wollen. Und das Loslassen setzt immer kreative Energie frei und schafft Raum für Neues – für neue Themen oder für eine neue Textform für dein Thema.

Abbruch ist also kein Makel, sondern oft die ehrlichste Antwort auf die Frage: Was passt wirklich zu mir? Abbruch kann Aufbruch sein – er zeigt dir, was dir beim Schreiben wirklich wichtig ist, und macht dich zur besseren Begleiterin deines eigenen Schreibens. 

 

 

Deine Nora  

 

 

Genannte Bücher und Quellen:

  • Liane Dirks „Sich ins Leben schreiben“.
  • Wiebke Vogelaar: Der Care Concentration Gap in der Wissenschaft. Wie Sorgearbeit Fokusräume verschließt und warum das gerade für Mütter* ein Problem ist. In: Exposé – Zeitschrift für wissenschaftliches Schreiben und Publizieren, 1+2-2025, S. 16-20. https://budrich-journals.de/index.php/expose/article/view/46164
  • „Schreiben trotz Care-Arbeit: Strategien für Mütter* in der Wissenschaft“ erschien 2024 im Verlag Barbara Budrich. (Dieses Buch hätte uns damals vielleicht geholfen, erklärt aber jetzt im Nachhinein gut unsere Erfahrung, für die es damals noch keinen wissenschaftlichen Begriff und keine Studien gab.)

In dem Buch “Die Bücherfrauen” von Romalyn Tilghman brechen auch drei Frauen auf. Und eine von ihnen bricht einen Text ab. Genau wie die Autorin des Romans selbst. Wir sind also in guter Gesellschaft. Mehr über dieses Buch kannst du hier in unserer aktuellen Buchempfehlung lesen.