Motivation oder Disziplin – Was brauchst du gerade für dein Schreiben?

10 Tipps, wie du bei schlechter Laune und üblen Nachrichten trotzdem weiterschreiben kannst

Gerade habe ich Nachrichten gelesen und meinen Überblick über die Welt- und Innenpolitik aktualisiert, habe den neuesten Stand über die Berlinale, den Buchhandlungspreis, die Deutsche Nationalbibliothek und die damit verbundene Diskussion um Kunstfreiheit weiterverfolgt. Unter einem Artikel verlinkt waren Diskussionen zur Entlarvung einer Schriftstellerin: Eigentlich war sie bewusst als Privatperson hinter ihrem Pseudonym zurückgetreten und wollte nicht in der Öffentlichkeit stattfinden. Das wurde ihr  genommen. Ich hatte eigentlich nur vor, mich kurz zu informieren und dann zu schreiben. Und geriet ins Zweifeln, in Wut, in Resignation: Welche Bedeutung hat Literatur noch? Wie frei kann ich meine Gedanken noch formulieren, wie frei meine Geschichten teilen? Vor wem muss ich mich in Acht nehmen? Für wen kann ich überhaupt noch schreiben? Will ich überhaupt noch für irgend jemanden schreiben?

Ich fühlte mich nicht motiviert. Ich fühlte mich von meinem Schreibbedürfnis entkoppelt. Wollte meine Geschichte für mich behalten. Wollte mich für mich behalten. Aber als Autorin, als Schreibverliebte, sollte ich mich davon doch nicht entmutigen lassen. Sollte mich doch nicht von meiner Schreibabsicht, von meiner Schreibarbeit abbringen lassen. Nicht zu schreiben, ist eigentlich keine Option für mich. 

Geht es dir auch so, dass dich Nachrichten oder bestimmte Ereignisse völlig aus der Bahn werfen, dich so ärgern, dass du keine Motivation mehr für dein Schreiben hast? Spürst du, dass unangenehme Gefühle, dein Schreiben schwerfällig machen können oder du dich ebenso entkoppelt fühlst wie ich? Weil das so ja nicht bleiben kann, lass uns hier gern genauer überlegen, was in solch einer Situation helfen könnte. Ich habe aus Fachliteratur, einem Video und eigenen Arbeitstechniken die Gedanken und 10 konkrete Tipps zusammengestellt, die bei mir und anderen schon funktioniert haben oder die ich das nächste Mal ausprobieren werde. Ergänze gern in den Kommentaren deine besten Tipps oder Ideen, von denen du gehört hast.

 

Disziplin oder Motivation?

Woher nur kann ich da die Motivation nehmen? Sofort muss ich an einen Dozenten einer Weiterbildung denken, der uns nahelegte, uns zu Disziplin selbst zu verpflichten. Er riet uns: Vereinbare mit dir das Schreiben, gehe ein Commitment mit dir ein, jeden Tag eine bestimmte Zeit lang oder eine bestimmte Seiten- oder Wortwahl zu schreiben. Sofort regte sich mein Trotz und meinte, dass das ziemlich hohl wäre, dass ich Motivation bräuchte, ein gutes Gefühl. Sonst würde ich nur noch abarbeiten und meinem Schreiben und meinem Text würde jegliches Gefühl fehlen, jeglicher Sinn. 

 

Disziplin und Motivation?

Was wäre, wenn beide Recht hätten – mein Dozent und mein Trotz? Ich las vor einiger Zeit Elizabeth Gilberts Buch „Big Magic“ und darin schreibt sie unter anderem, dass man sich seine Kreativität zugestehen dürfe und dann auch machen müsse. Indem man sich immer wieder an seine kreative Arbeit begibt und fleißig ist, würde man automatisch offen werden für frische Einfälle, für motiviertes Handeln also. 

 

Anstrengung, um anzufangen und dranzubleiben

Keine Sorge, ich werde jetzt keine wissenschaftliche Abhandlung über Motivation schreiben. Nur diesen Gedanken: Gerade bei längeren Projekten braucht man am Anfang erstmal eine gewisse Kraftanstrengung, um das Projekt überhaupt zu beginnen. Im besten Fall sollte die Tätigkeit oder das Projekt darum zu einem selbst passen, also zu den persönlichen Vorlieben, Stärken, Interessen, Werten und Rahmenbedingungen. Hilfreich kann es außerdem sein, mit sich selbst eine Vereinbarung zu treffen und die Tätigkeit mit Gewohnheiten zu verbinden bzw. sich Routinen aufzubauen.

Um dann bei längeren kreativen Projekten dranzubleiben, ist es zusätzlich hilfreich, wenn man ein längerfristiges Ziel damit verbindet, was einen von innen heraus motiviert. Und wenn man Langeweile vermeidet, indem man sich selbst Abwechslung schafft. 

Daraus ergeben sich folgende 2 Tipps: 

  • Tipp 1 – Wohlbefinden: Gerade in solchen schwierigen Zeiten solltest du dich bei deinem Schreibprojekt wohlfühlen. Darum schau: Passen deine Rahmenbedingungen? Womit kannst du dir beim Schreiben etwas Gutes tun? Schreib eine Liste mit 30 Dingen, mit denen du dir Gutes tun kannst. Hab sie an deinem Schreibplatz, damit du dir unkompliziert etwas davon aussuchen kannst. Das können Kleinigkeiten sein, wie ein Obstteller und Tee am Schreibplatz, ein schöner Ausblick, leise Musik, inspirierende Gegenstände, ein Moodboard, ein Pausentimer für einen Spaziergang, ein neuer Schreibort…
  • Tipp 2 – Schreibgründe: Damit man sich immer wieder an ein längeres Projekt setzt, sollte die Motivation von einem selbst von innen heraus kommen. Man nennt das intrinsische Motivation. Und dieses Bedürfnis, das mich ganz ursprünglich mal zu dem Schreibprojekt geführt hat, das will ich mir wieder bewusst machen. Und dieser Tipp gilt für mich genauso wie für dich. In dem Blogpost über Schreibblockaden hat Nora schon mal systematisch zum Reflektieren darüber angeregt, was das eigene Schreiben ausmacht, wie man sich der eigenen Widerstände, aber auch der eigenen Störken und Ressourcen bewusst wird und sich an die eigene Motivation für das eigene Schreibvorhaben erinnert. Schauen wir mal genauer hin:

 

Intrinsische Motivation – Warum hast du das Schreibprojekt begonnen?

Es hat einen Grund gegeben, warum ich meinen Text schreiben wollte und warum du deinen schreiben wolltest. Und sicherlich hattest du auch Erwartungen oder Hoffnungen, wie sich dein Schreibprozess anfühlen würde. Besinne dich darauf zurück, warum dir das Schreiben und dein aktueller Text gerade so am Herzen liegen. Erinnere dich an deine ursprüngliche Motivation. Was war dir wichtig? 

  • Tipp 3 – Neugierde: Was findest du an deiner Geschichte oder am Schreiben interessant? Worauf warst du neugierig? Worauf hattest du dich bei deinem Text gefreut? Erinnere dich, warum du dein Schreibprojekt begonnen hast. Was war dein Ausgangspunkt und welches Abenteuer bist du damit eingegangen? Schreib ein Listengedicht und beginne jede Zeile mit „Ich bin neugierig darauf, …“
  • Tipp 4 – Wissen: Was hast du zu deinem Thema, der Zeit, dem Ort, einem bestimmten Beruf … recherchiert und was möchtest du noch herausfinden? Wie kannst du deine Recherchen für mehr Tiefe und Details nutzen? Stöbere durch deine Recherchenotizen und pick dir etwas heraus, was für deine nächste Szene oder den nächsten Abschnitt interessant ist. Schreibe eine fiktive Fußnote darüber (wie Mythenmetz/Walter Moers in den Zamonienbüchern).
  • Tipp 5 – Bedeutung: Welche Frage möchtest du mit deinem Text beantworten? Welche Erfahrungen und Einsichten möchtest du mit deiner Geschichte weitergeben? Worüber sollen deine Leserinnen nachdenken? Blättere durch deine Journals: Über welches Thema, welche Idee, welchen Gedanken hast du viel nachgedacht? Was ist noch unbeantwortet und soll mit diesem Text verständlicher werden? Schreib jetzt einen Eintrag in dein Journal, in dem du genau das festhältst.
  • Tipp 6 – Planung: Was hast du schon geplant? An welcher Stelle stehst du gerade, was kommt als nächstes? Hast du schon einen Teil geschrieben, dann strukturiere gern den nächsten Teil und probiere, ob dir das auch helfen könnte. Plotte deine Geschichte, plane deinen Text. Das gibt dir einen sicheren Rahmen, in dem du frei schreiben kannst. Außerdem erleichtert es dir, jederzeit weiterzuschreiben und dich schnell in deinen Text einzufinden. Und du brauchst keine großen Entscheidungen mehr treffen, das hast du schon erledigt. Lass dich einfach in deine aktuelle Szene fallen.
  • Tipp 7 – Experimentieren: Vielleicht wolltest du mit deinem Text eine neue Textform ausprobieren? Oder vielleicht wolltest du eine bekannte Textform verändern und deine Leser überraschen? Was wolltest du anders machen – die Struktur, die Chronologie, die Erzählperspektive? Oder hast du ein besonders originelles Setting? Eine außergewöhnliche Idee? Oder wolltest du vielleicht verschiedene Dinge kombinieren, wie du sie bisher noch nicht gelesen hast? Möchtest du dich selbst oder deine Leserinnen damit herausfordern, überraschen, unterhalten oder in Staunen versetzen? Schreib ein fiktives Nachwort und erzähle deinen Leserinnen von deinen Absichten. 
  • Tipp 8 – Gefühle: Wie fühlt sich deine Hauptfigur gerade in deiner Geschichte? Wonach sehnt sie sich? Was hält sie gerade auf? Welche andere Figur könnte sie jetzt aufrütteln oder ihr gut tun? Wenn du dich gerade nicht so einfach darauf einlassen kannst, dann lade deine Figur fiktiv auf einen Kaffee oder Tee ein und quatsche mit ihr. Wie geht es ihr, was braucht sie gerade von dir?

 

Extrinsische Motivation – Für wen schreibst du noch?

Alles, was du eben gelesen hast, bezieht sich vor allem darauf, was du für dich willst oder welche Reaktion du dir bei deinen Leserinnen wünscht, um selbst daran Freude zu haben. 

Womöglich mag es dir aber auch helfen, den Blick doch nochmal auf die Welt zu richten und dir bewusst zu machen, dass du die Welt mit deinen Entscheidungen und Handlungen und auch mit deinem Text ein Stück besser machen kannst. Du kannst deine Einsichten und Erfahrungen teilen in Ratgebern, Memoirs und Geschichten aller Genres. Es wird mit Sicherheit Menschen geben, die genau deinen Text brauchen.  

Und wenn dir doch etwas extrinsische Motivation hilft, also Zuspruch von außen, dann möchte ich gern mit Elizabeth Gilbert sagen: „Wir sind darauf angewiesen, dass du uns zeigst, was du weißt, was du gelernt hast, was du gesehen und gefühlt hast. (…)  Egal, ob du jung oder alt bist, wir brauchen deine Arbeit, um unser Leben zu bereichern und zu inspirieren.“ (Elizabeth Gilbert „Big Magic“ S. 127)

 

Fazit

Ich fasse zusammen: Trotz allem regelmäßig diszipliniert an deinem Schreibprojekt zu arbeiten, kann dir helfen, deine Schreibfertigkeiten zu entwickeln und mit dem wachsenden Text auch immer neue Ideen zu bekommen. Das kann sehr motivieren. Damit deine Schreibmotivation nicht so sehr mit dem Ärger oder der Hilflosigkeit gegenüber den Weltgeschehnissen konkurriert, kann Verbindlichkeit dir selbst gegenüber helfen. Außerdem angenehme Rahmenbedingungen, etwas Abwechslung und kleine Verwöhnmomente. Einige Ideen findest du unter Tipp 1. Und du hattest einen Grund, zu schreiben. Es hat mal irgendwas gegeben, was dich dazu bewogen hat, dieses Schreibprojekt zu beginnen. Mach dir das kreativ bewusst mit den Tipps 2-8. 

Tipp 9 – Braindump: Und wenn das alles nichts hilft gegen Weltschmerz und das Steckenbleiben, dann mach ein Freewriting: Schreib alles auf, was dir gerade durch den Kopf. Schreib all den Ärger runter, all die Sinnfragen oder Zweifel. Am Ende kannst du das Blatt zerknüllen und es theatralisch wegwerfen.

Tipp 10 – Was brauchst du gerade? Und wenn das alles weggeschrieben ist und du deine Motivation kennst, wenn du dir Gutes getan hast und trotzdem stockst, dann schreib ein Freewriting zu der Frage: Was brauche ich gerade? Lass dich überraschen und sorge für dich. Es können sich Dinge zeigen, die dir helfen, doch noch mit dem Schreiben zu beginnen. Und es kann sich genauso auch zeigen, dass du gerade etwas ganz anderes brauchst. Informationen, Austausch mit anderen, Ruhe, eine Sporteinheit, ganz laut Musik hören, ein schönes Essen kochen, etwas malen, unter Leuten sein, ein schönes Buch lesen… 

 

Was hilft dir, gut für dich zu sorgen und weiterzuschreiben, auch wenn es schwierig ist?
Wenn du magst, teile gern deine Ideen in den Kommentaren. Ich bin dankbar für Anregungen und Austausch.

Deine Jana

 

Und in dem Blogpost “Schreiben ist vielfältig – Funktionen des Schreibens” möchten wir dich nochmal daran erinnern, dass Schreiben für dich als schreibende Person absolut wichtig sein kann – um dich mitzuteilen, um in Ruhe zu denken, um stille Momente zu genießen, um dich zu entfalten und weiterzuentwickeln, um dich auszutauschen. Wenn das keine Argumente für eine ausgedehnte Schreibsession sind!

Weitere Anregungen und Aufgaben zum Schreiben erhältst du monatlich in unserem Newsletter. Melde dich hier an, dann erhältst du auch Zugang zu unseren  Zines und unserem Workbook. In unserem Workbook geben wir ganz konkrete Anregungen und Schreibimpulse, wie du eine Geschichte anfangen kannst, welche Basics dabei helfen.

 

Meine Quellen: 

Gilbert, Elizabeth: Big Magic. Nimm dein Leben in die Hand und es wird dir gelingen. (3. Auflage 2020) https://www.fischerverlage.de/buch/elizabeth-gilbert-big-magic-9783596034932
Dieses Buch ist ein Kreativitätsbooster für mich. Elizabeth Gilbert erzählt hier davon, was sie sich unter einem kreativen Leben vorstellt, was ihr geholfen hat, dranzubleiben, mit ihrer inneren kritischen Stimme zu umzugehen, offen für Ideen zu sein. Sie gibt Anregungen dazu, auf ungewohnte Weise über die eigene Kreativität nachzudenken, um loszulegen. Nicht des Erfolges wegen. Sondern einfach der Kreativität und Schaffensfreude wegen.

Lyubomirsky, S., Sheldon, K. M., & Schkade, D.: Pursuing Happiness: The Architecture of Sustainable Change. Review of General Psychology. Vol. 9, No. 2, 2005, S. 111–113, https://doi.org/10.1037/1089-2680.9.2.111
In dem Fachartikel stellt das Forschungsteam Ergebnisse von Studien vor, die darauf schließen lassen, dass wir durch bewusste Aktivitäten unser eigenes Wohlbefinden bzw. Glück langfristig steigern können.

Abbie Emmons: Your Author Archetype Will Unlock Your BEST Writing Yet. Video vom 18.03.2026
https://www.youtube.com/watch?v=chr2sm4K2Y0&list=PLV6pMftb_QTlFALRRV8oSFPhc4tiU91oZ&index=2
Abbie Emmons stellt hier sieben Autorentypen vor basierend auf den Archetypen von Carl Jung und schlussfolgert, welche Herausforderungen und Schatten ihnen begegnen können und welche Genres für sie passen könnte.