Handschreiben: Warum wir öfter zum Stift greifen sollten
Mal eben eine Nachricht ins Handy getippt, dann den Roman am Laptop geschrieben, die Einkaufsliste in der Notizenapp verfasst, Gäste per E-Mail eingeladen, auf dem Tablet Notizen während des Meetings gemacht. Digitale Medien beherrschen scheinbar unser Schreiben – auch in meinem Kurs im Studiengang Kreatives Schreiben und Texten. Jede Sitzung beginne ich mit einem fokussierten Freewriting. 4 von 10 Studierenden klappen jedes Mal ihren Laptop auf. 3 von 10 Studierenden wechseln zwischen digitalem und analogem Schreiben. Nur 3 Studierende schreiben jedes Mal mit der Hand. Dies ruft in mir Verwirrung hervor. Für mich ist es Zeit, über die Bedeutung der Handschrift zu schreiben. Das handschriftliche Schreiben bietet Vorteile, die über das bloße Festhalten von Gedanken hinausgehen. In diesem Blogbeitrag betrachte ich die positiven Aspekte des Schreibens mit der Hand, insbesondere in Bezug auf Kreativität, Selbstverständnis und persönliche Entwicklung.
Handschrift – mehr als nur Buchstaben auf Papier
1. Dein Gehirn liebt es, mit der Hand zu schreiben
Wenn du mit der Hand schreibst, dann sind in deinem Gehirn zwölf Hirnareale aktiv. Und es arbeiten über 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammen, um deine Gedanken in Schrift zu verwandeln. Handschreiben ist daher ein Ganzkörpererlebnis. So vernetzten sich beim Schreiben mit der Hand kognitive und motorische Prozesse, was zu einer tieferen Verarbeitung des Geschriebenen führt.
Studien zeigen, dass wir Informationen, die wir handschriftlich notieren, nicht nur besser verstehen, sondern
auch langfristiger behalten. Das Tippen bzw. das Schreiben auf der Tatsur kann uns das nicht geben, denn hierbei bewegen sich unsere Hände eher unabhängig vom Sprachzentrum – es entsteht keine direkte Verbindung zwischen Bewegung und Buchstabenform. So ist es deinem Gehirn egal, ob du gerade ein a oder ein e tippst.
Außerdem unterstützt dich das Schreiben mit der Hand, deine geistigen Fähigkeiten zu trainieren. Im höheren Alter kannst du dich so also noch fit halten.
Nimm dir kurz Zeit und schreibe per Hand. Achte dabei darauf, was sich in deinem Körper tut. Schreib darüber, was du wahrnimmst. Wechsle dann die Schreibhand. Was passiert dann? (Einige sagen auch, immer mal wieder mit der Nicht-Schreibhand zu schreiben, könne Demenz vorbeugen.)
2. Kreativität fließt leichter, wenn der Stift tanzt
Erste Studien bei Viertklässlern zeigen, dass handschriftliche Texte kreativer und kommunikativer seien als digital verfasste Texte. Das könnte daran liegen, dass eben beim Schreiben mit der Hand, das Gehirn mehr stimuliert und aktiviert wird. Außerdem erlaubt dir die
Handschrift mehr Tempowechsel, verschiedene Ausformungen der Buchstaben, verschiedene Schriftstile genau wie das Hinzufügen von (spontanen) Randbemerkungen und Skizzen. Auch hier kann es dadurch zu mehr Assoziationen und Ideen kommen.
Interessant wären hier allerdings Studien mit Erwachsenen, die es scheinbar nicht gibt. Bei den Kindern müsste bedacht werden, dass das Tippen für sie neu und ungewohnt ist, wodurch ihre Aufmerksamkeit beim Schreiben vielleicht davon sehr beansprucht wird und die Texte auch deshalb weniger kreativ sind.
Doch die physische Bewegung – 30 Muskeln und 17 Gelenke! – beim Handschreiben spricht dafür, dass ein freierer Gedankenfluss entsteht. Es kann dabei helfen, Gedanken zu sortieren und zu visualisieren, was wiederum zu weiteren Ideen führen kann.
Nimm ein leeres Blatt und schreibe zehn Minuten lang ohne Pause und ohne Rückblick auf das Geschriebene. Versuche deine Gedanken nicht zu lenken, sondern fließen zu lassen. Wohin haben dich deine Gedanken geführt?
3. Selbstreflexion: Wenn Worte zu Spiegeln werden
Auch für unsere persönliche Entwicklung und für die Selbstreflexion ist das Handschreiben wichtig. Mit Hirnscans konnten Forschende nachweisen, dass die Aktivität der Amygdala (unser Angstzentrum) deutlicher nachlässt, wenn Gefühle mit Worten ausgedrückt werden. Dies ist ein Zeichen emotionaler Beruhigung und Emotionsverarbeitung. Dieser Effekt kann sich verstärken, wenn mit der Hand geschrieben wird.
Emotionen werden also nicht nur festgehalten, sondern auch verstanden und bearbeitet. So kannst du Muster in deinem Denken erkennen und verstehen, was dich wirklich bewegt. Dieser Effekt könnte einer der Gründe sein, warum viele Menschen das Schreiben (Journaling) für sich nutzen, um Klarheit inmitten des gedanklichen Chaos zu finden. 
Darüber hinaus kann dir deine Handschrift auch viel über deinen Zustand verraten. Deine Handschrift ist individuell wie ein Fingerabdruck und spiegelt deine Persönlichkeit wider. Aber sie kann dir auch etwas über deine Stimmung, dein Stresslevel und sogar deine Entwicklung erzählen:
- Weich und rund? Vielleicht bist du gerade in einem harmonischen Lebensabschnitt.
- Eckig und klein? Stress oder Kontrollbedürfnis könnten im Spiel sein.
- Schwungvoll und groß? Deine Kreativität sprudelt über.
Im Laufe der Zeit wird deine Handschrift zum sichtbaren Beweis deiner persönlichen Entwicklung. Graphologen lesen in der Handschrift eines Menschen ganze Lebensgeschichten.
Nimm dir den Text, den du 10 Minuten frei geschrieben hast. Was entdeckst du in deiner Handschrift?
Warum das für dein kreatives und literarisches Schreiben wichtig ist
Persönliche und literarische Texte wie Memoir, Autobiografie, Erzählungen oder Romane profitieren von der Tiefe und Intimität, die Handschreiben erzeugen kann. Diese Texte leben nicht nur von der Handlung und Ereignissen, die darin erzählt werden, sondern
von den Gefühlen, die sie transportieren / auslösen können oder sollen. Schreibst du Entwürfe auch per Hand, kannst du den Zugang zu den Emotionen deiner Geschichten leichter geben.
Aber auch deine Ideen profitieren von der Handschrift. Deine Geschichten können nicht nur lebendiger sondern auch vielfältiger, überraschender werden, weil ganz andere Verstrickungen und Wechsel aufkommen können, wenn du den Stift auf dem Papier tanzen lässt.
Lege dir ein Notizbuch zu, in dem du Ideen für deine Schreibprojekte festhältst oder ganze Szenen und Dialoge aufschreibst.
Mach den Juni zum Monat der Handschrift
Am 12. Juni ist der Tag des Tagebuchs. Dies ist der perfekte Anlass, um dein eigenes Schreibritual per Hand zu starten. Hier ein paar Ideen, wie du das handschriftliche Schreiben in deinen Alltag einbauen kannst:
- Ein Memoir-Projekt: Nimm dir vor, eine prägende Erinnerung pro Woche handschriftlich festzuhalten. Am Ende des Monats hast du den Anfang deiner Autobiografie.
- Brief an dich selbst: Schreibe einen handschriftlichen Brief an dein
zukünftiges Ich – mit Wünschen, Ängsten und Träumen. Versiegle ihn und leg ihn an einen Ort, wo du ihn in einem Jahr wiederfindest, um ihn dann zu lesen. Achte auf deine Handschrift beim Lesen. Was nimmst du wahr? - Kreatives Experiment: Probiere verschiedene Stifte, Papiere und Schriftarten aus. Wie verändert sich dein Schreibfluss? Wie fühlt es sich an? Lies dazu in unserer Buchempfehlung zu dem Buch „Ändere deine Handschrift und du änderst dein Leben“.
Der Stift als Schlüssel zu dir selbst
Handschriftliches Schreiben kann eine Rückbesinnung auf das Wesentliche sein: auf die Verbindung zwischen Hand, Herz und Verstand. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, dir Zeit zum Schreiben zu nehmen, dich mit Stift und Papier hinzusetzen und deine Gedanken im Körper zu fühlen, während du sie festhältst. Und die Verbindung zwischen Körper, Gefühl und Denken ist ideal, um kreative Projekte und biografische Texte mit mehr Tiefe und Echtheit zu entwickeln.
Nimm dir schon heute einen Moment. Öffne ein Notizbuch. Spüre, wie der Stift über das Papier gleitet. Und lass zu, dass deine Gedanken fließen – unzensiert, frei, ganz bei dir.
Deine Nora
PS: Die hier genannten Aspekte zum Schreiben mit der Hand habe ich in verschiedenen Quellen gefunden und einiges davon ist schon in ersten Studien entdeckt worden. Doch noch scheint vieles wissenschaftlich unbekannt zu sein in Bezug auf das Schreiben mit der Hand. Für mich ist das trotzdem erhellend und spannend, weil sich vieles mit meinen Erfahrungen deckt. Und das wollte ich mit dir teilen. Und hoffentlich regt dich der Blogartikel an, wieder selbst mehr mit der Hand zu schreiben. Möchtest du anfangen, wieder mehr mit der Hand zu schreiben oder hast du Lust, ein bisschen mit dem Handschreiben zu experimentieren? Dann könnten unsere kleinen Zines ein Einstieg für dich sein. Hier findest du die Möglichkeit, dich für den Download anzumelden.
Weitere Quellen:
Wenn du noch mehr über das Schreiben mit der Hand wissen willst, sind hier noch weitere Links:
https://www.schreibmotorik-institut.com/projekte/
https://www.wsj.com/articles/SB10001424052748704631504575531932754922518
https://www.fastcompany.com/1798782/pen-mightier-phone-case-writing-things-out
Weitere Inspirationen übers Schreiben gibt es einmal im Monat in unserem Newsletter.

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