Schreibtipps für ADHSlerinnen, Vielbegabte, Multitalente, Tausendsassa, kreative Chaoten, bunte Vögel, zertreute Träumerinnen, Scannerpersönlichkeiten.

Dieser Blogtext enthält Schreibtipps extra für Menschen mit vielen Ideen und Interessen, die viel wissen wollen, die auf der Suche nach Sinn sind, zwischen verschiedenen Aufgaben springen, sich gerne künstlerisch und schriftlich ausdrücken und ein kreatives Leben führen wollen. Und die doch gleichzeitig aufpassen müssen, dass sie sich nicht selbst überfordern oder langweilen und Schreibprojekte auch abschließen. Und weil Nora und ich uns genau damit identifizieren, schreibe ich jetzt „wir“. 

 

Wo ist das Problem?

Wie wir an Aufgaben und Projekte herangehen, hängt davon ab, was wir daraus gewinnen wollen. Was motiviert uns dazu, uns mit bestimmten Themen zu beschäftigen? Wollen wir etwas bestimmtes wissen oder spezielle Fähigkeiten gewinnen? Wir brauchen einen guten Grund, Neugierde und Spaß, um etwas zu beginnen, Abwechslung und Reize, um dranzubleiben. Aber wir können uns damit auch leicht überfordern und ablenken. 

Wir sind schnell für etwas zu begeistern und wollen etwas wissen oder verstehen, wie etwas funktioniert oder sich anfühlt. Darum probieren wir viel aus, fangen Sachen an, beenden diese aber scheinbar nicht. Für uns ist das Ziel oft schon erfüllt, wenn wir herausgefunden haben, wie jene Sache funktioniert oder sich anfühlt. 

Das kann für Außenstehende chaotisch oder unmotiviert wirken, es kann zu Missverständnissen führen. Und sogar dazu, dass wir uns selbst verurteilen und Einstellungen entwickeln, die uns daran hindern, zufrieden zu sein mit uns und unseren Fähigkeiten und Handlungen. Vielleicht hast du ja schon so etwas Gemeines über dich gedacht, wie „Ich bin zu faul und undiszipliniert. Ich bekomme einfach nichts auf die Reihe. Ich kann alles nur so ein bisschen, in nix bin ich richtig kompetent.“ Darum tun wir gut daran, uns selbst kennenzulernen und zu verstehen, was wir für eine gelingende Zusammenarbeit mit anderen brauchen und wie wir gut für uns selbst sorgen können.

 

Und wo ist das Problem beim Schreiben?

Die eben beschriebenen Probleme können genauso beim Schreiben bestehen. Ein größeres Schreibprojekt kann für uns eine ziemliche Herausforderung werden, weil der Text wahrscheinlich für ein Publikum verständlich und strukturiert sein sollte, weil wir womöglich viel recherchieren dürfen (yeah), diese Informationen aber akribisch belegen müssen (bäh) und uns nicht verzetteln sollten. Wir müssen bei längeren Schreibprojekten auch eintönige Aufgaben erledigen (Literaturverzeichnis erstellen, Rechtschreibung überprüfen) und brauchen generell Durchhaltevermögen für einen längeren Arbeitsprozess. 

Aber auch an kurzen Texten können wir ewig basteln und tausend mal durchstreichen, weil wir nach genau dem einen Wort suchen. Oder wir haben verschiedene lose Enden, weil wir uns nicht entscheiden können. 

 

Lösungen und Tipps

Gemacht ist besser als geplant, geplant ist besser als gar nicht gedacht

Darum brauchen wir gute Strategien, um Projekte auszuwählen, zu managen und abzuschließen. Manche Ideen dürfen einfach Ideen bleiben und unsere Kreativität dokumentieren. Es genügt, sie auf dem Papier durchgespielt zu haben, ohne das Projekt tatsächlich zu realisieren. Andere Projekte sollten umgesetzt werden. Gerade überschaubare, kurze Projekte eignen sich dafür, z.B. eine Kurzgeschichte schreiben, ein Bild malen. Und es kann hilfreich sein, die eigenen Ansprüche zu reduzieren. Oftmals ist es nämlich total in Ordnung, die Dinge normal gut zu können. Du musst keinen Bestseller schreiben und kein Porträt malen wie Frida Kahlo sein. Und hier kommt das Schreiben vielfältig ins Spiel. Denn es kann sehr hilfreich und anregend sein.

 

Schreibtipp 1: Fröhlich starten

Aus der Glücksforschung wissen wir, dass wir für Aufgaben eine Art Initiationsenergie und Aufrechterhaltungsenergie benötigen. Wir brauchen also gute Impulse, um eine Aufgabe zu beginnen und Abwechslung und Sinnhaftigkeit, um sie durchzuhalten.

Gerade Menschen mit ADHS sollten sich verabschieden von der alten Regel „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Da kommt das Gehirn gar nicht aus dem Ruhemodus. Du könntest stattdessen lieber mit etwas beginnen, was Dopamin bringt, was Spaß macht und gute Gefühle: ein Lied hören und mittanzen, etwas Sport machen, ein Bild malen, auf dem Visionboard die eigenen Ziele mit einem guten Gefühl verbinden, die liebste Projektaufgabe zuerst erledigen. Irgendetwas Schönes. Das muss nicht lange sein. Beginnst du mit der liebsten Aufgabe des Tages, kannst du etwas abhaken und dein Gehirn ist für die nächsten Aufgaben auf Touren.

Manchen Menschen hilft es sogar, mit Musik, einem Hörbuch, einer Geräusche-App oder einem Write-with-me-Video im Hintergrund zu arbeiten. Klingt kontra-intuitiv, weil es ja offenbar noch mehr Ablenkung herbeiführen könnte. Aber hier muss man wissen, dass diese lebhafte Geräusche das ADHS-Gehirn eher aktivieren und in einen konzentrierten Arbeitsmodus bringen. Ein Video einer anderen arbeitenden Person funktioniert wie das sog. Body Doubling. Die Anwesenheit anderer (und sei es nur durch Videos, Livestreams oder Videokonferenzen) hilft gegen Prokrastination und Ablenkung. Man kann seine Nerven beruhigen, hat ein bisschen sozialen Druck und kann sich besser auf eine Aufgabe konzentrieren.

 

Schreibtipp 2: Dranbleiben mit Abwechslung

Und fürs Durchhalten ist Abwechslung wichtig – für alle Menschen und für ADHSlerinnen umso mehr. Da kommt es uns zugute, dass das Schreiben jede Menge Vielfalt bietet: Es gibt vielfältige Textsorten, inspirierende Orte, anregende Schreibgeräte und Materialien (Computer, Schreibmaschinen, Notizhefte und Füller für das Handschreiben), Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Künsten wie beim Art-Journaling oder Collagieren. 

 

Schreibtipp 3: Finde das Schreiben, was du gerade brauchst

Es gibt vielfältige Bereiche, in denen Schreiben uns nützlich sein kann: a) Kreatives Schreiben zum Austoben und kreativen Spiel, b) Journaling für Check-Ups, Projektplanung, Selfcare, c) autobiografisches Schreiben zum Ergründen der eigenen Lebensgeschichte und Aussöhnen mit vergangenen Erfahrungen d) wissenschaftliches und sachliches Lesen und Schreiben zum Stillen unseres Wissensdurstes. Dazu jetzt mehr:

 

a) Kreatives Schreiben – Ideen raussprudeln und etwas beenden

  • Im kreativen Schreiben können wir unserer Phantasie freie Bahn geben. Wir toben uns auf dem Papier aus. Wir machen Schreibspiele, probieren verschiedene Stile und Perspektiven aus, verschiedene Gedichtformen und kreative Wege dorthin. Wir entwickeln unsere Ideen, tüfteln herum, machen Konzepte für Bücher und Zines. Einige setzen wir um. Andere bleiben einfach Ideen.
  • Im kreativen Schreiben können wir abtauchen, wir erfinden Welten und Figuren. Wir verändern in Geschichten die Dinge, die uns im echten Leben nerven. Hier können wir völlig frei sein.
  • Schreiben ist auch deshalb toll, weil wir Projekte beenden können. Ein Gedicht – yeah. Ein fertiger Text. Oder auch Kurzgeschichten und Märchen. Das sind übersichtliche Projekte. Für die brauchen wir keinen langen Atem. Bei denen können wir auch den Kick des Fertigstellens spüren. Und die Texte dann mit anderen teilen.
  • Tipp: Mit Lyrik, Flashfiction, Kurzgeschichten, kurzen Märchen, Zines kannst du etwas abschließen – das gibt ein gutes Gefühl.

 

b) Journaling – Pause machen und zu uns kommen

  • Das Schreiben hilft uns auch, zur Ruhe zu kommen. Besonders im Journaling können wir zu uns kommen. Wir halten für einen Moment die Welt an und können uns spüren und unsere Bedürfnisse wahrnehmen. Alles andere darf kurz warten. 
  • Und alle Projekte können mit etwas Abstand gedanklich und emotional sortiert werden. Wir bekomme einen Überblick und können mit diesem persönlichen Schreiben den Fokus für die nächste Zeit setzen und schauen, was wir brauchen, was am dringendsten dran ist. 
  • Mit dem Journaling können wir gut auf uns aufpassen und uns in Selbstliebe üben. 
  • Tipp: Schreib dir Self Love Letters, um dir selbst Wertschätzung zu schenken.

 

c) autobiografisches Schreiben – sich selbst besser kennenlernen

  • Das Schreiben autobiografischer Texte kann dir helfen, Ereignisse aus der Vergangenheit liebevoll zu betrachten und zu verarbeiten und daraus auch wieder Kraft zu tanken. 
  • Gerade falls du spät diagnostiziert wurdest und dir öfter Situationen einfallen, als du früher missverstanden wurdest oder Ungerechtigkeit erlebt hattest, könnten jetzt selbstwertschätzende Rückblicke helfen, deinen Frieden damit zu machen. Da ADHS zu einem großen Teil erblich ist, kannst du mit dem Schreiben deinen Blick auf jene Ereignisse und auf Familienmitglieder verändern.
  • Tipp: Mit kurzen autobiografischen Textformen, wie Gedichten, Anekdoten, Listen, Erzählungen, Märchen, kannst du das ins Journaling integrieren. 

 

d) Wissenschaftliches und sachliches Schreiben – Entdeckungen machen, Themen erforschen

  • Im wissenschaftlichen Schreiben können wir unsere Neugierde kultivieren und unseren Wissensdurst stillen. Wir erarbeiten uns Themen, verknüpfen sie mit anderen, erkennen Zusammenhänge, gehen in die Tiefe.
  • Wissenschaftliches und sachliches Schreibens ermöglicht uns ein ganz ruhiges gründliches Nachdenken in einer sonst so schnellen Zeit und zwischen vielen Projekten.
  • Hier können wir uns auch Zeit nehmen zum Lesen. Eine kleine private Rebellion gegen die Geschwindigkeit.
  • Tipp: Nutze Visualisierungstechniken für Zusammenhänge, kommentierte Gliederung für begründeten roten Faden.

 

Schreibtipp 4: Ideen sammeln und wertschätzen

Leg dir ein Ideenbuch an. Das kann ein Notizbuch oder eine App sein, in der alle Ideen notiert werden. Ich führe ein Ideenbuch in einer unspektakulären A5-Kladde und übertrage regelmäßig neue Ideen, die ich unterwegs in meiner Notiz-App festgehalten habe. In der Kladde kann ich sie weiter entfalten, Skizzen dazu zeichnen, Rechercheergebnisse notieren, Bilder einkleben. Wichtig: Die Ideen müssen nicht alle verwirklicht werden. Aber wir können so alle kreativen Einfälle wertschätzen und aufbewahren und immer wieder lesen. Dieses Ideenbuch ist auf jeden Fall eine gute Dokumentation meines kreativen Denkens.

 

Schreibtipp 5: Komplimente und Rückmeldungen sammeln

Wie oft hören wir: „Mach doch erst mal etwas fertig!“, „Verzettle dich nicht ständig!“, „Jetzt konzentriere dich doch mal!“ und „Hör auf zu träumen!“. Das alles kann das eigene Selbstbild ganz schön runterziehen. Und mal ehrlich: Wir brauchen das nicht von anderen zu hören, wir wissen das alles selbst. Manches Projekt wollen wir genau so unbeendet lassen, weil es uns genügt. Und anderes würden wir gern fokussiert beenden, wenn wir nur könnten. Dabei können und wissen wir eine ganze Menge, das ist nur nicht immer für uns und andere sichtbar.

Darum finden wir es wichtig, uns immer wieder die Dinge vor Augen zu führen, die wir gut gemacht haben, die wir wirklich können. Da helfen zum Beispiel Self Love Letters. Uns gefällt aber auch die Idee von Nathalie Marcinkowski, ein Komplimente-Tagebuch zu führen. Hier kannst du regelmäßig notieren, welche positiven Rückmeldungen du erhalten hast. Hat dir ein Kunde eine Mail mit Feedback zum letzten Projekt geschickt? Hat sich eine Freundin bei dir für etwas bedankt? Was wurde in deiner letzten Workshop-Evaluation oder im Personalgespräch gelobt? Hefte dir das ab oder schreib dir das schönste davon in ein gesondertes Tagebuch. So kannst du gut sehen, was andere an dir und deiner Arbeit oder deiner Freundschaft bemerken, was für dich vielleicht bisher selbstverständlich war.

 

Schreibtipp 6: Challenges und Zeitbegrenzung

Zeitverknappung kann Wunder wirken, denn unter Zeitdruck wird plötzlich Dopamin frei und unser Hirn startet durch. (Siehe Tipp 1). 

  • Für Lern- und Arbeitsaufgaben könnte die Pomodoro-Technik helfen: 25 Minuten fokussiert arbeiten (alle Ablenkung ausschalten), 5 Minuten Pause (ohne Medien, wirklich ausruhen oder austoben) – das ganze vier mal, schon hast du zwei Stunden konzentriert gearbeitet. 
  • Challenges wie ein Writing Retreat, ein kreativer Schreibmonat eignen sich gut für ein konkretes längeres Schreibprojekt. So eine Challenge ist angenehm herausfordernd, aber zeitlich mit einem Ende versehen. Man kann gut sehen, was man in so einer festgelegten Zeit schafft. Das ist gerade für ADHSlerinnen gut, die durch ihre Zeitblindheit dafür oft kein gutes Gefühl haben. In einem Retreat hätte man zudem die Möglichkeit, mit anderen gleichzeitig zu arbeiten und die Motivation durch das Body Doubling zu nutzen. 
  • Ein 52-Wochen-Projekt eignet sich für ein riesiges Projekt, wie einen Roman oder für wöchentlich wechselnde kreative Aufgaben. Es gibt sogar solche Projekte im www zu finden. Auf diese Weise bekommt man viele verschiedene Ideen von Außen und Abwechslung in Materialien und Ausführung. Man kann sich ausprobieren und muss dabei kaum Entscheidungen selbst treffen. 

 

Fazit: Lerne dein Gehirn und deine kreativen Vorlieben kennen

Zu uns bunten Vögeln passt es, von Blume zu Blume zu fliegen. Probiere dich aus. Finde heraus, womit du gut anfangen und dran bleiben kannst. Finde heraus, welche Schreibformen dir etwas bedeuten und was du richtig gut kannst.

Auf unserer Website findest du viele Anregungen und Informationen. In unseren verschiedenen Texten und Austauschmöglichkeiten gehen wir natürlich in die Tiefe – wir können ja gar nicht anders. Also, bitte stöbere gern:

  • Im Schreibblog teilen wir zu jedem Monatsanfang unsere Gedanken, Impulse und Erkenntnisse zu einem Schreib-Thema.
  • Im Bücherregal stellen wir Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher vor, die uns rund ums Schreiben inspiriert haben. Ganz neu im Regal: „Not Broken“ ein own-voice-Roman über eine junge Schriftstellerin, die als Erwachsene eine ADHS-Diagnose bekommt und auf einen Musiker mit ADHS trifft, der sein ganz eigenes Päckchen trägt.
  • In unseren Workshops und in individuellen Angeboten arbeiten wir direkt mit dir, vermitteln unser Wissen, haben Möglichkeiten für Erfahrungsaustausch und Feedback. 
  • Mit unserem Newsletter bleibst du über all das monatlich informiert und bekommst Zugang zum Download unserer Journaling-Zines, Kreativitäts-Zines und unseres Workbooks.

 

Wir freuen uns, wenn du Lust hast, mit uns das Glück des Schreibens zu kultivieren.

Deine Jana

 

Quellen:

 

Begriffe:

Zu den Begriffen ADHS, Hochsensibilität, Scanner bzw. Scannerpersönlichkeit, Neurodivergenz, … hat Judith Peters einen umfassenden Blogpost geschrieben: Judith Peters: Scanner, hochsensibel oder vielleicht doch ADHS? Blogpost vom 23.08.2025. (Eine Anmerkung dazu: ADHS und ADS werden medizinisch aktuell nicht unterschieden. Man unterscheidet drei Typen: den vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typ (früher ADHS), den vorwiegend unaufmerksamen Typ (früher ADS) und den Mischtyp aus den beiden. In der aktuellen Diagnostik muss das nicht unterschieden werden, es läuft alles im Diagnoseverzeichnis ICD10 unter ADHS. Das neue Diagnoseverzeichnis ICD11 sieht diese Unterscheidung vor, wird hier aber noch nicht angewendet.)

 

Das Thema kannst du hier vertiefen: