Leichter Einstieg – mit kleinen Schritten und dem Verzicht auf Perfektion vorankommen

Ich sitze im Bett und lese. Eigentlich sollte ich schlafen. Doch ich kann nicht aufhören. „Nur noch eine Seite“, sage ich mir und lese dann doch bis tief in die Nacht weiter. Beim Lesen kenne ich dieses Gefühl gut: Ich kann gar nicht mehr aufhören. Beim Schreiben ist es eher umgekehrt. Hier liegt die eigentliche Herausforderung nicht im Aufhören, sondern im Anfangen. Und im Dranbleiben. Genau hier hilft mir derselbe Satz, nur mit umgekehrter Wirkung: Eine Seite nur. Nicht als Grenze, die mich bremst, sondern als Einladung, die mir einen Anfang erleichtert.

Wenn es dir genauso geht, dann ist dieser Beitrag für dich richtig. Hier kannst du erfahren, warum ein kleines Vorhaben, ein minimales Ziel dich in Bewegung und voran bringt. Und was zu diesem Ziel noch dazu gehört, damit es wirksam wird.

Ein realistisches Ziel schafft Bewegung

Wer sich vornimmt, „heute ein gutes Kapitel zu schreiben“, setzt sich oft unbewusst unter Druck. Doch genau dieser Druck kann uns zögern lassen, bevor wir überhaupt begonnen haben. Wie ein schwer erklimmbarer Berg steht diese Aufgabe vor uns. Ein kleines Tagesziel wirkt dagegen wie ein Schlüssel: Es macht das Schreiben greifbar und nimmt der leeren Seite ihren Schrecken.

Was die Motivationsforschung über kleine Schritte weiß

Warum diese kleinen Schritte so wirksam sind, zeigt uns der Psychologe Albert Bandura mit seinem Konzept der Selbstwirksamkeit (aus den 1970er Jahren). Es besagt, dass unser Vertrauen in die eigene Fähigkeit, eine Aufgabe bewältigen zu können, einer der stärksten Antriebe für Motivation ist. Und dieses Vertrauen entsteht vor allem durch eines: erlebte kleine Erfolge. Jede geschriebene Seite, jede bewältigte Schreibsitzung ist ein Beweis an uns selbst, dass wir es können – und dieser Beweis macht es leichter, morgen wieder anzufangen.

Wichtig ist dabei noch eine Sache: Diese Erfahrung muss man positiv betrachten. Das Ziel war ein quantitatives Ziel, und es wurde erfüllt: Es wurde eine Seite Text geschrieben. Führst du diesen Erfolg nicht auf Glück oder einen guten Tag zurück sondern auf deine eigene Anstrengung, stärkt dich das in deiner Selbstwirksamkeit und Erfolgszuversicht. Du weißt, dass du es schaffen kannst. Die nächsten Seiten gehen wahrscheinlich leichter von der Hand. Das ermittelte der Psychologe Heinz Heckhausen 1972 in seinem Selbstbewertungsmodell der Leistungsmotivation und 1980 zusammen mit Falko Rheinberg in Das Erweiterte Kognitive Motivationsmodell. Für dich heißt das, du kannst bewusst anerkennen: „Ich habe mich heute wieder hingesetzt und meine Seite geschrieben. Diesen Schritt bin ich gegangen und habe es geschafft.“ Damit es ein qualitativ guter Text wird, kann ein späteres Ziel darin bestehen, diesen Text auf bestimmte Kriterien hin zu überarbeiten. 

Damit du diese kleinen Schritte gehen kannst, lohnt sich noch ein weiterer Blick in die Motivationsforschung: Wir warten oft darauf, motiviert zu sein, bevor wir anfangen – dabei ist es meist umgekehrt. Motivation folgt der Handlung, nicht die Handlung der Motivation. Dies zeigt sich in verschiedenen Studien und wird von Psychologen erklärt. Wer erst einmal die ersten Sätze zu Papier bringt, merkt oft: Der Schwung kommt beim Tun, nicht vorher. Von diesem Phänomen berichtet auch die Schriftstellerin Elizabeth Gilbert in Big Magic.

Perfektionismus als Bremse – und wie wir ihn lösen

Trotz kleiner, machbarer Ziele kann sich uns aber eine Sache noch in den Weg stellen und uns auf dem Weg des Schreibens ausbremsen: der eigene Perfektionismus. Wenn du bei dir bemerkst, dass du hohe Erwartungen an dich und dein Schreiben hast, dann lies hier genau nach: In der Forschung wird unterschieden zwischen einem gesunden, „adaptiven“ Perfektionismus, der uns anspornt, und einem belastenden, „maladaptiven“ Perfektionismus, der aus Versagensangst und überzogenen Erwartungen entsteht. Gerade diese zweite Form hängt eng mit Aufschieben und Schreibblockaden zusammen: Wer glaubt, ein Text müsse gleich beim ersten Versuch gelingen, schiebt das Schreiben lieber ganz auf, als einen unperfekten Anfang zu riskieren.

Zwei Wege haben sich in Studien als hilfreich erwiesen, um diesem Muster zu entkommen: das bewusste Setzen realistischer, kleiner Ziele – wie eben eine Seite am Tag – und Selbstmitgefühl. Wer sich selbst mit derselben Nachsicht begegnet, die man auch einer guten Freundin entgegenbringen würde, reduziert nachweislich den inneren Druck, der zu Aufschieberei führt. Die Erlaubnis, heute schlecht zu schreiben, ist also keine Ausrede, sondern eine wirksame Strategie. Darum haben Jana und ich auch ein Experiment mit Self Love Letters durchgeführt und schreiben auch heute noch immer mal wieder einen Liebesbrief an uns selbst.

Quantität vor Qualität – manchmal einfach so rum

Aus unseren Schreiberfahrungen und der Schreibforschung wissen wir: Gleich einen qualitativ guten Text zu schreiben, ist für unser Arbeitsgedächtnis herausfordernd. Wer vorankommen will, sollte sich zunächst nicht um Qualität kümmern, sondern um Quantität. Das ist leichter gesagt als getan, denn oft sitzt uns die innere kritische Stimme im Kopf. Ist das Ziel des Tages aber nicht, einen guten Text zu schreiben, sondern erstmal eine Seite oder 500 Wörter zu schaffen, dann können wir der kritischen Stimme sagen, dass wir noch nicht überarbeiten, sondern erst einmal schreiben. Wir weisen daraufhin, dass überhaupt erstmal Text da sein muss, bevor er gut ist. Oder wie ich ihn Kursen oft wiederhole: Ein schlechter Text lässt sich leichter überarbeiten als ein leeres Blatt. Dieses Prinzip machte sich auch Chris Baty bei seinem Schreiben zu nutze und hat darüber einen Schreibratgeber verfasst: „No Plot? No Problem!“ Besonders gefällt mir die Stelle im Buch, wo man auf einen Knopf drücken und man den inneren Kritiker wegbuzzern kann. Oder du schickst ihn oder sie liebevoll in den Urlaub. Dies hat eine Ratsuchende von mir getan: Die innere Kritikerin gebastelt, dann ein schönes Urlaubsbild ausgesucht und beide zusammen verschwanden in einem Glas. So konnte die Ratsuchende die kritische Stimme nicht mehr hören.

Was die Glücksforschung ergänzt

Kleine Ziele sind ein sehr guter Start für das Schreiben. Doch du kannst dein Schreiben noch bewusst gestalten, um am Ball zu bleiben und dir den Anfang damit immer wieder erleichtern. Die Psychologin Sonja Lyubomirsky hat in ihrer Forschung gezeigt, dass rund 40 Prozent unseres Glücksempfindens von den Aktivitäten abhängen, die wir bewusst in unseren Alltag holen – deutlich mehr, als die äußeren Lebensumstände dazu beitragen. Entscheidend ist dabei, wie wir diese Aktivitäten gestalten:

  • Aktiv werden statt abwarten: Schreiben ist eine jener Tätigkeiten, die uns aktiv guttun – im Gegensatz zu rein passivem Konsum. Schon das Aufschlagen des Notizbuchs ist ein kleiner Akt der Selbstwirksamkeit. Hier haben wir auch die Verbindung zur Methode „Motivation folgt der Handlung“, wie oben schon beschrieben.
  • Persönliches Ziel: Habe auch ein längerfristiges Ziel vor Augen und was dieses Ziel mit dir bzw. deiner Identität zu tun hat. Ist dir bewusst, warum du z.B. eine Geschichte schreibst, dann nimmst du einfacher auch mal eine kurzzeitige Anstrengung auf dich. Denn du weißt, das hilft dir, das langfristige Ziel zu erreichen. Wenn du also mal einen Tag keine Lust hast, dich hinzusetzen und deine Seite zu schreiben, kann dir der Gedanke helfen, dass du damit dem Ende deiner Geschichte wieder ein Stück näher kommst. Mehr dazu hier.

  • Routinen und Rituale schaffen: Eine feste Schreibzeit, ein bestimmter Platz, eine Tasse Tee vor dem ersten Satz – solche kleinen Rituale senken die Schwelle zum Anfangen, weil wir nicht jedes Mal neu entscheiden müssen, ob und wie wir schreiben. Neuerdings wird dies auch unter dem Begriff „Romantisieren“ beschrieben: Das heißt, du romantisierst bewusst deine Schreibsession, indem du bestimmte ritualisierte Dinge tust wie eine Kerze anzünden, Tasse Tee hinstellen und ein paar leckere Knabbereien, eine Playlist einschalten.
  • Abwechslung einbauen: Gleichzeitig warnt Lyubomirsky vor der sogenannten hedonischen Anpassung – der Tendenz, uns an etwas zu gewöhnen, bis es uns nicht mehr berührt. Übertragen aufs Schreiben bedeutet das: Variiere deine Methoden. Mal spontan drauflos schreiben – mal nach Plan, mal mit Stift auf dem Papier – mal am Laptop. Diese Abwechslung hält die Routine lebendig, statt sie zur bloßen Pflichtübung werden zu lassen.
  • Anstrengung und Passung zählen: Lyubomirskys Forschung zeigt außerdem, dass Aktivitäten umso mehr zu unserem Wohlbefinden beitragen, je mehr sie zu uns passen und je mehr eigener Einsatz darin steckt. Eine Schreibmethode, die sich für dich stimmig anfühlt, wirkt nachhaltiger als eine, die du dir nur auferlegst, weil sie „richtig“ sein soll.

Verschiedene Wege zum Weiterschreiben

Wie dein kleines Ziel für das Schreiben und die Gestaltung deines Schreibprozesses aussehen kann, weißt du selbst am besten. Es gibt nicht die eine richtige Methode, um an einem Text dranzubleiben. Mische dazu verschiedene Strategien, probiere dich aus und folge auch ruhig ein wenig deiner Stimmung am Tag:

  • Schreibe spontan drauflos, ganz ohne Plan.
  • Greife dir eine einzelne Szene, die dir gerade durch den Kopf geht, und schreibe sie auf.
  • Erstelle einen Plotplan für deine Geschichte und arbeite dich dann Schritt für Schritt, Szene für Szene voran.
  • Schreibe wie ein Puzzle: einzelne Teile, die du später zusammenfügst.
  • Schreibe eine Szene oder einen Textabschnitt mehrmals und schau, wie sich dein Text verändert und welche Variante dir am besten gefällt. 
  • Schreibe weiter an deinem Text, indem du die letzten Sätze der letzten Schreibsession überarbeitest und dich dann zu den nächsten Ideen führen lässt.

Wichtig ist nur: Achte zunächst nicht auf Qualität, sondern darauf, deinen Text voranzubringen. Die Überarbeitung kommt später. Sie fällt leichter, wenn erst einmal etwas da ist, das überarbeitet werden kann. Und sei dir gegenüber liebevoll, sei die unterstützende Freundin, die du dir für dein Schreiben wünschst.

Eine Seite nur – dein Anfang für heute

Setz dir also für heute ein kleines, realistisches Ziel. Eine Seite nur. Mehr nicht. Und du wirst merken: Aus diesem einen kleinen Schritt wird morgen der nächste – und irgendwann ein ganzer Text, an den du dich vielleicht kaum noch erinnerst, wie er einmal als leere Seite vor dir lag.

schreib los

deine Nora 

 

Quellen und Literaturtipps:
Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84, 191-215.
Frost, R. O., Marten, P., Lahart, C., & Rosenblate, R. (1990). The dimensions of perfectionism. Cognitive Therapy and Research, 14(5), 449–468.
Gollwitzer, P. M., Bargh, J. (1996). The Psychology of Action: Linking Cognition and Motivation to Behavior. Guilford Press.
Lyubomirsky, S. (2008). Glücklich sein: Warum Sie es selbst in der Hand haben, zufrieden zu leben. Campus Verlag. (hier besprochen: https://psychologie-des-gluecks.de/literatur/gluecklich-sein-lyubomirsky/)
Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101.
Rheinberg, F., Vollmeyer, R. (2018). Motivation. 9. überarbeitete und erweiterte Auflage. Kohlmeyer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-032955-3 
Sirois, F. M. (2016). Procrastination, stress, and coping. In Procrastination, Health, and Well-Being (pp. 57-77). Academic Press.

 

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