Keine Selbstverständlichkeit.

In dem Buch geht es um die elfjährige Ally. Sie besucht die 6. Klasse, kann aber nicht lesen und schreiben. Bisher hat sie viele Strategien, um ihre Legasthenie zu verbergen, eckt dadurch aber auch an. Besonders mit ihrer Lehrerin gerät sie immer wieder aneinander, wenn sie aggressiv kritzelt oder schweigt und wird ins Rektorat geschickt, wo sie ihr Schweigen weiter durchhält oder schwindelt. Sie ist so klug und darum auch so geschickt darin, ihre Schwäche zu verstecken, weshalb ihr auch niemand Hilfe anbieten kann.

Alle müssen lernen

Im Verlaufe der Geschichte schließt Ally nicht nur Freundschaft mit dem starken Mädchen Keisha und dem superschlauen Alfred. Sie lernt auch langsam, sich ihrem neuen Lehrer Mr Daniels anzuvertrauen und Hilfe anzunehmen. Sie lernt mit ihm das Lesen und Schreiben auf eine ganz andere Weise. Er zeigt ihr, wie sie ihr bildliches Denken und all ihre Sinne nutzen kann, um sich Wörter zu erschließen und zu merken. Der Lehrer selbst setzt sich mit Lernschwierigkeiten auseinander und musste lernen, wie man den betroffenen Kindern helfen kann. Ihre Mitschüler, die anderen Lehrerinnen, die Direktorin und ihre Mutter mussten lernen, dass Ally okay ist, dass ihr Gehirn etwas anders funktioniert und dass sie dennoch etwas Wertvolles zur Gemeinschaft beizutragen hat. Denn sie ist sehr kreativ, denkt um die Ecke und knackt so manches Rätsel. 

Wir Lesenden können lernen

Mir hat die Erzählperspektive sehr gut gefallen. Durch die Ich-Form der Hauptfigur bekommen wir Lesenden eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sich Ally fühlt, wie sich Legasthenie für sie zeigt und anfühlt. Denn so, wie sie in Bildern denkt und Kopfkino hat, so erzählt sie uns auch ihre Geschichte. Während ich dieses Buch las, machte ich mir zahlreiche Notizen darüber, wie metaphorisch sie ihre Gefühle und Probleme beschreibt und auch, worin sich ihre Lernfortschritte und ihr wachsendes Selbstbewusstsein zeigen. Die sprachlichen Bilder und ihre Dialoge sind teilweise so lustig, dass ich beim Lesen laut lachen musste. 

Kritik: unglaubwürdig schnelles Lernen

An dem Buch gibt es durchaus einiges zu kritisieren. Die Verwandlung der Hauptfigur setzt erst etwa ab der Hälfte des Buches ein und verläuft dann sehr schnell und unproblematisch. Sie bekommt plötzlich viel Anerkennung. Und trotzdem erfahren wir als Lesende nicht, wie genau sie jetzt lernt, wie mühevoll oder einfach es für sie ist. Das liegt zum einen daran, dass in dieser Geschichte der Fokus darauf liegt, wie sich Ally fühlt, was sie über sich selbst denkt und wie sich das verändert, also wie sie sich als Mensch entwickelt. Zum anderen mag es auch daher kommen, dass die Autorin laut eigener Auskunft auf ihrer Website recht intuitiv in ihrem Schreibprozess vorgeht und nicht klassisch nach bekannten Schemata wie dem 3-Akt-Modell oder der Heldenreise plottet. Wahrscheinlich hat sich das für diesen Stoff für die Autorin auch nicht so angeboten, da die Geschichte autobiografisch inspiriert ist.

Kritik: Geschlechterklischees

In dieser Geschichte werden alte Geschlechterklischees bedient. Es gibt eine hochnäsige, reiche, zickige Gegenspielerin mit einer Mitläufer-Freundin, die nicht selbst denkt. Die Jungs sind alle cool und entspannt. Mädchen müssen vor prügelnden Jungs beschützt werden. Die Frauen wie die Lehrerin, die Schulleiterin und die Mutter verstehen Ally und ihr Problem nicht, sie beobachten oder hinterfragen nicht hartnäckig genug ihr Verhalten. Das schafft der neue Lehrer. Das ist mir und den Jugendlichen in meinem Buchclub aufgefallen, jedoch müssen wir auch hier berücksichtigen, dass die Autorin eigene Erfahrungen verarbeitet und sich diese womöglich genau in diesen Konstellationen ereignet haben.  

Wem würde ich das Buch empfehlen?

Das Buch ist interessant, um sich bewusst zu machen, dass das Lesen und Schreiben nicht für jeden Menschen ganz selbstverständlich eine neue kreative bunte Welt eröffnet oder ein Mittel der Selbstermächtigung ist. Es hilft dabei, sich einzufühlen in Menschen, denen das Lesen und Schreiben nicht gut gelingt, die es nicht so einfach gelernt haben. Das Buch zeigt sehr schön, dass jene Menschen trotzdem wertvoll sind. Da wir beim Lesen quasi in dem Kopf der Hauptfigur stecken, können wir direkt an ihren Erfahrungen teilhaben und erleben das kreative Denken in Bildern und Kopfkino live mit. Deshalb können wir auch ihre persönliche Entwicklung live nachvollziehen. 

–  Jana –

„Wie ein Fisch im Baum“ von Linda Mullaly Hunt

(Kinder-/Jugendroman, 2018 veröffentlicht bei cbt, Original 2015)

Hier gelangst du zum Roman beim Verlag: Wie ein Fisch im Baum
Hier kommst du zur Website des Autors: Linda Mullaly Hunt

Wer mehr über Legasthenie und die Erfahrungen von Kindern damit wissen möchte, kann sich den wundervollen Kurzfilm „I Wonder“ vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie anschauen. Zu sehen ist eine junge Frau mit Legasthenie, die uns durch ihre Erinnerungen führt und zeigt, wie schmerzhaft es sein kann, auf diese Schwäche reduziert zu werden:   

Dass einen die Lese-Rechtschreib-Schwäche aber nicht davon abhalten muss, die eigenen Träume zu verwirklichen und sogar Romane zu schreiben, können wir von dieser jungen Frau lernen: Jessica Wedekind veröffentlichte mit 17 Jahren ihren ersten Roman und studiert mittlerweile in Berlin Kreatives Schreiben.