
Aufbruch.
In „Die Bücherfrauen“ begegnen wir drei Frauen unterschiedlicher Generationen, die jeweils an einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben stehen. Schauplatz der Geschichte ist der kleine Ort New Hope in Kansas, genauer das dortige Kulturzentrum in der ehemaligen Carnegie-Bibliothek. Dieser Ort wird für alle drei Frauen zum Ort ihres Aufbruchs werden. Aus unterschiedlichen Gründen hat es die drei Protagonistinnen nach New Hope verschlagen:
Angelina
Als erstes begegnen wir Angelina. Sie arbeitet bereits seit zehn Jahren an ihrer Doktorarbeit. Sie arbeitet so lange schon daran, weil sie hauptsächlich versucht hat, die Druckerei des verstorbenen Vaters zu betreiben. Jetzt setzt ihr Betreuer ihr eine Frist von 100 Tagen, hält ihre Arbeit aber nicht für besonders bedeutend. Für Angelina ist diese Arbeit jedoch sehr wichtig. Seit sie als Kind vom Vater vorgelesen bekam und von ihrer Oma mit in die Carnegie Bibliothek von New Hope genommen wurde, ist ihre Liebe für Bücher und die Faszination für Carnegie-Bibliotheken entfacht. Ihre Großmutter hatte zu ihrer Zeit daran mitgewirkt, dass die Bibliothek in New Hope errichtet werden konnte. Carnegie hatte nämlich als Philanthrop den Aufbau der Bibliotheken finanziert, wenn die Gemeinden die den laufenden Betrieb mitfinanzierten. Auf diese Weise entstanden zahlreiche Gemeindebibliotheken in den USA, besonders auch durch das Engagement von Frauen. Denn für sie waren die Bibliotheken Orte, um Wissen zu erlangen und sich auszutauschen. Doch Carnegie war nicht nur der Wohltäter, sondern behandelte auch Arbeiter schlecht und ging auch brutal gegen Gewerkschaften und deren Bemühungen vor. Diese gegensätzlichen Seiten interessierten Angelina, aber auch das Wirken der Frauen beim Aufbau der Bibliotheken. Deshalb forscht sie darüber mit dem Ziel, einmal eine Bibliotheksleitung zu übernehmen. Und so, sucht sie den Ort auf, an dem alles begann.
Traci
Traci ist eine junge Künstlerin, die vor Bettwanzen und ihrem Vermieter aus New York flüchtet. Sie hat mit einigen Verschönerungen in ihrer Biografie eine Stelle als Gastkünstlerin im Kulturzentrum New Hope ergattert und soll dort Kurse für Erwachsene und Teenager geben. Wie auch ihre Recyclingkunst wirkt sie zunächst etwas fremd in dieser Kleinstadt. Von sich selbst denkt sie nicht gut, schleppt eine elende Vergangenheit mit sich herum, möchte aber für ihre Kunst gesehen werden. Die Menschen der Kultureinrichtung sind auch eher vorsichtig überzeugt. Traci hat sich auch noch keine Gedanken über darüber gemacht, wie sie in ihren Kursen die Anforderungen erfüllen kann, nämlich die Kursteilnehmerinnen zu fördern im kritischen Denken, Problemlösen und Kreativität. Erleichtert stellt sie fest, dass sie als erstes eine Gruppe Frauen treffen wird, die wenig Interesse daran haben, etwas zu lernen. Vielmehr geht es ihnen darum, Zeit zu finden, um ohne schlechtes Gewissen miteinander sprechen zu können. Dafür quilten sie. Die zweite Gruppe werden aufbrausende Teenager sein.
Gayle
Eine ihrer Kursteilnehmerinnen ist Gayle aus dem Nachbarort Prairie Hill. Traci hatte einige Frauen aus dem Nachbarort eingeladen. Gayle hat vor 27 Tagen bei einem Hurrikane alles verloren und ist bei einer Cousine in New Hope untergekommen. Sie hat schon einen erwachsenen Sohn, von dem sie hofft, er würde ihr Enkelkinder bescheren. Seit dem Hurrikane plagen sie Albträume und Ängste. Ihr geht es schlecht. In der Gruppe der Quassel-Quilter fühlt auch sie sich zunächst fremd und versucht, in einem chaotischen Quilt abzubilden, wie sie die Fetzen ihres Lebens zu gern einsammeln und zu etwas zusammenfügen möchte. Dieses Bild bildet eine Brücke, die Frauen finden im kreativen Tun zueinander.
Das Kulturzentrum in der ehemaligen Bibliothek
Dort treffen sich die drei Frauen, um für den Erhalt der Bibliothek bzw. des Kulturzentrums gemeinsam zu kämpfen. In dieser gemeinsamen Aufgabe lernen sie einander kennen. Sie knüpfen Freundschaften, teilen ihre Sorgen, lachen aber auch miteinander. Sie sind gemeinsam kreativ, mobilisieren ihre Schaffenskraft und die Menschen der Gemeinde. Das Ende wird hier nicht verraten. Es mag vielleicht nicht überraschend sein, doch es ist voller Hoffnung und Ermutigung.
Fazit:
Man kann das Frauenbild in diesem Roman kritisch lesen. Die Frauen verbleiben in ihrem Engagement für das Kulturzentrum bei typisch weiblichen Aktionen wie Quilten und Kuchenbacken. Man kann aber darin genauso auch die Stärke der Frauen erkennen, aus ihren Fähigkeiten und dem gemeinsamen Kreativsein etwas für die Gemeinde zu bewirken. Als Leserin fühlte ich mich durch die kritische Darstellung der Carnegie-Bibliotheken und der aktuellen Situation der Frauen aufgefordert, über die Bedeutung von Kunst, Literatur, Bibliotheken und gemeinsame Orte (für Frauen) nachzudenken. Und so erzählen die drei Protagonistinnen, wie sie im Miteinander Kraft schöpfen, wie sie ihren Raum erhalten und persönliche Neuanfänge wagen. Inspirierend und ermutigend.
Und natürlich bekommen wir auch jede Menge Bücher genannt, die die persönliche Lesewunschliste verlängern können 😉
— ACHTUNG WEITER MIT SPOILER —
Am Ende des Buches entscheidet sich Angelina, ihre Doktorarbeit abzubrechen – In der Entscheidung, die Doktorarbeit abzubrechen – oder besser gesagt loszulassen – spiegelt die Autorin eigene Erfahrungen. Das hat mich berührt, haben auch Nora und ich unsere Doktorarbeiten abgebrochen, um aufzubrechen. Wir denken, dass es mitunter besser ist, einen Text abzubrechen, damit man als Schreibende neue Wege für sich finden kann. Und das Abbrechen ist durchaus Ausdruck von Schreibkompetenz und Stärke. Darüber hat Nora in unserem Schreibblog erzählt. Lies gern hier weiter: „Aufbruch – Warum das Nicht-Beenden von Texten uns weiterbringen kann“.
– Jana –
„Die Bücherfrauen“ von Romalyn Tilghman
(Roman 2021 bei S. Fischer erschienen, 2017 im Original, übersetzt von Britt Somann-Jung)
Hier gelangst du zum Roman beim Verlag: Die Bücherfrauen
Hier kommst du zur Website des Autors: Romalyn Tilghman
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