Schriftstellerin sein mit ADHS.

Charlotte bekommt ihre ADHS-Diagnose mit 20 Jahren, muss sich gegenüber ihrem Freund Clemens positionieren, weil der und sein Vater behaupten, sie könne als Frau kein ADHS haben. Dabei hat sie mit sich und der neuen Erkenntnis schon genug Sorgen. Denn sie fragt sich nun, kann sie Schriftstellerin sein mit ADHS . In dieser Zeit lernt sie Flynn kennen, einen jungen Musiker, der ihr zuhört, der sie ernst nimmt und sich mit ihr über ADHS austauschen kann, weil er selbst damit lebt. Wir begleiten hier also zwei Künstlerseelen, die ihre jeweiligen Sorgen haben und sich offenbar gegenseitig guttun. 

Authentische Stimmen – Künstlerseelen mit ADHS

An diesem Buch hat mir vieles gefallen. Zunächst einmal fand ich es schön und hilfreich, in Form einer Geschichte authentisch von einer Own-Voice-Autorin zu lesen, wie andere das Leben mit ADHS wahrnehmen. Besonders gut gefallen hat mir, dass mit der Geschichte unterschiedliche Erfahrungswelten erzählt wurden. 

Die verträumte Schriftstellerin

Charlotte ist abgelenkt, verträumt, chaotisch, sorgt sich oft und bremst sich immer wieder selbst aus. Sie verkörpert eine weibliche Erfahrungswelt, ist dem unaufmerksamen Typ (früher ADS) zuzuordnen und auf dem Weg zu einer ernstzunehmenden Schriftstellerin.

Sie ist mit 20 Jahren gerade zu einem Psychotherapeuten gegangen, um abzuklären, ob sie ADHS haben könnte. Mit ihr erleben wir, wie es ist, auf eine Diagnose zu warten, an sich selbst zu zweifeln und dann doch als Erwachsene eine solche Diagnose zu erhalten. Wie geht es dann weiter? Was macht das mit einem? Charlotte überlegt, wem sie davon erzählt, wie und wann sie das anstellt. Wir können mit ihr aufgeregt sein und uns aufregen, wenn diese Menschen zuweilen unerwartet darauf reagieren. 

Vor allem aber bedeutet es für Charlotte, das bisherige Leben in einem neuen Licht zu betrachten, sich selbst neu kennenzulernen, um dann selbstfürsorgliche Entscheidungen treffen zu können: Will sie mit ihrem Freund zusammen bleiben? Wie will sie Schriftstellerin sein mit ADHS? Will sie ein Medikament ausprobieren? Damit verbunden ist für sie vor allem die Frage, ob es ihr schaden könnte, ob es ihre Persönlichkeit verändern und ihre Kreativität einschränken könnte. Oder ob es ihr eher helfen könnte, nach ihren schriftstellerischen Anfängen letztlich sogar ein seriöses Leben als Schriftstellerin zu führen. Immerhin ist sie auf der Plattform Wadpatt mit spicy Texten unter ihrem Pseudonym schon sehr bekannt. Ihr typisches ADHS-Problem ist aber, dass sie wirklich viele Ideen hat, sich aber nicht genug konzentrieren kann, um diese fokussiert zu Papier zu bringen. Und darauf war ich auch neugierig: Wieviel Einblick bekommen wir in Charlottes Schreibleben? Wir bekommen Einblicke darin, wie sie mit Zweifeln kämpft, mit einem Moodboard arbeitet, wie sie sich in Notizbücher verguckt, wie sie sich beim Schreiben ganz auf ihre Figuren konzentriert, wie sie sich mit der Frage auseinandersetzt, ob sie sich aus der Anonymität hinter ihrem Pseudonym heraus traut, wie sich ihr Schreiben verändert, wie sie es strukturiert. 

Der impulsive Musiker

Flynn ist impulsiv, wütend, vor allem wenn er sich überfordert, gestresst und bevormundet fühlt. Und gegenüber seinem „Erzeuger“, der ihn nicht liebevoll verstehen wollte. Durch Flynn bekommen wir Einblick in eine männliche Erfahrungswelt, er ist dem hyperaktiv-impulsiven Typ zuzuordnen (früher ADHS) und hat sich bereits als Musiker mit seiner Band einen Namen gemacht. Denn Musik ist für ihn so ähnlich wie für Charlotte das Schreiben. Hier kommen seine Gedanken zur Ruhe. Flynn wurde schon als Kind diagnostiziert, was aber nichts daran änderte, dass sein Vater trotzdem unerreichbare Ansprüche an ihn stellte und brutal reagierte, wenn Flynn diese tatsächlich nicht erreichte. Um sich im Griff zu haben, nimmt er schon länger Medikamente und kann Charlotte von seinen Erfahrungen damit berichten.

Keine Opfer-Geschichte

Nach der Diagnose glauben Charlotte einige Menschen sofort, andere zweifeln ihre Diagnose an und verhalten sich wirklich unterirdisch gemein und leiern sämtliche Mythen herunter, etwa dass es ADHS bei Mädchen und Frauen nicht gäbe, dass es keine Ausreden für Faulheit und Misserfolg sondern Disziplin und Sport brauche. Da hat es mich beim Lesen umso mehr gefreut, dass Charlotte sich gegenüber diesen Menschen, die sie herabwürdigen, nicht als Opfer verhält sondern ganz klar für sich einsteht. Schlimme und auch absurde Situationen gibt es allerhand. Aber sie lässt sich nicht kleinmachen oder über sich bestimmen. Und sie bekommt sogar Unterstützung von einer Person, der ich es nicht so recht zugetraut hatte, die sich als durchaus streng, aber auch witzig herausstellt.

Ein ruhiges Buch voll Liebe

Es gibt Konflikte und Auseinandersetzungen. Dieser Roman hat selbstverständlich einige Stellen, in denen das Geschehen mit den Protagonisten aufbraust und impulsiv herumwirbelt. Aber insgesamt ist es ein liebevoller Roman. Die Hauptfiguren tun sich gut, geben sich kreativen Raum und glauben aneinander. Und dann sind da noch all die anderen Figuren, die auch so ihre Eigenheiten haben und absolut liebenswert sind: Charlottes Eltern (ADHS ist erblich 😉 und Freundin Merle (ADHS seit der Kindheit bekannt), Flynns Bandkumpels, seine Mutter und Schwester Frieda. 

Merle, ebenfalls mit ADHS und Angestellte in einem Verlag, spielt eine wichtige Rolle in dieser Zeit nach der Diagnose, die Merle zunächst als eine Art Trauer versteht, eine Trauer um die vermeintlich gesunde Psyche, um das bisherige Selbstbild. Merle ist an Charlottes Seite bei all ihren Sorgen, Lebensentscheidungen und nächsten beruflichen Schritten. Die beiden erleben allerhand lustige Momente, die Frau wirklich nur mit ihrer besten Freundin erleben kann. 

Die Autorin zeigt hier, dass man eine gute, tiefe Geschichte liebevoll leicht und trotzdem chaotisch spannend erzählen kann. Das finde ich als Autorin selbst sehr inspirierend.

Fazit:

Dieses Buch zu lesen, hat mich aufgeregt, etwas gelehrt, gut unterhalten, inspiriert. 

Ich empfehle es Menschen, die ADHS frisch diagnostiziert bekommen haben oder vermuten, es haben zu können. Ich empfehle es Menschen, die Menschen in ihrem liebsten Umfeld haben, die von ADHS betroffen sind. Weil dieses Buch typische Herausforderungen von Menschen mit ADHS mittels der Geschichte zeigt. 

Natürlich empfehle ich dieses Buch auch angehenden Schriftstellerinnen und jeglichen Künstlerseelen, die sich von den Erfahrungen anderer inspirieren lassen möchten. Ich empfehle es jenen, die einfach Künstlergeschichten mögen und einen Einblick in die Verlags- und Musikwelt bekommen möchten. Und schließlich ist es auch eine hinreißende Liebes- und Freundschaftsgeschichte. Und nicht nur zwischen Menschen. Wusstest du, dass Bücher Rudeltiere sind? War mir irgendwie immer schon klar, aber jetzt hab ich es schriftlich. Danke Jessica Noir. 

 – Jana – 

„Not Broken“ von Jessica Noir

(Roman 2024 erschienen bei Lago)

Content Notes sind hinten im Buch.

Hier geht’s zur Website der Autorin: Jessica Noir  

Und hier zum Roman beim Verlag: Not Broken 

Weitere Bücher über das Leben mit ADHS, vor allem von Frauen, die selbst spät diagnostiziert wurden:

„Hirngespinste. Mein leben mit ADHS“ von Lisa Vogel  

„ADHS im Griff. Eine Insidern verrät, wie du mit deinem Gehirn arbeitest“ von Jessica McCabe

„Hummelhirn“ von Judith Holofernes – Die Sängerin und Autorin erzählt hier aus ihrem Leben, das sie nach ihrer späten Diagnose auch mit einem neuen Blick betrachtet.

unser Blogpost mit Schreibtipps für Menschen mit ADHS, kreative Chaoten und zerstreute Träumerinnen