
Handschrift – Spiegel der Persönlichkeit? Raum der Veränderung?
Diesen Monat stelle ich ein Buch vor, bei dem ich ehrlicherweise nicht ganz weiß, ob ich dem glauben soll, was darin behauptet wird. Und doch fasziniert mich das Buch und vor allem das Thema des Buches. Die Autorin Vimala Rodgers schreibt in ihrem Buch „Ändere deine Handschrift und du änderst dein Leben“ zum einen darüber, was die Handschrift einer Person alles über sie verraten kann. Zum anderen gibt sie Tipps, wie man seine Handschrift ändern kann und zwar hin zu etwas Gutem.
Es ist ein Buch über Handschrift. Vor allem geht es der Autorin darum, mit der bewussten Veränderung der Handschrift die positiven Eigenschaften eines Menschen zu stärken oder sogar das eigene Leben dadurch zu ändern.
Buchaufbau
Das Buch unterteilt sich in zwei Hauptkapitel. Im ersten Teil geht Vimala Rodgers darauf ein, wie sie zur Handschrift gekommen ist, was eine Handschrift bedeutet und was aus ihrer Sicht und der Grafologie alles zur Handschrift gehört. Außerdem lässt sie die Lesenden eine Schriftprobe anfertigen und mit Hilfe von Fragen zu den verschiedenen Aspekten eine Analyse der eigenen Handschrift vornehmen. Im zweiten Teil stellt sie ihr eigenes Alphabet vor (dazu weiter unten mehr) und erklärt den Lesenden, wie die einzelnen Buchstaben geschrieben werden und welche Wirkung diese haben können.
Grundannahmen der Autorin
Die Autorin hat sich bereits in ihren Teenager-Jahren mit Schriften und Grafologie beschäftigt. Dabei lernte sie, dass die Handschrift Persönlichkeitsanteile zeigt, dass sich an der Handschrift ablesen lässt, welche Glaubenssätze in den Menschen verankert sind, wie deren Selbstbild aussieht oder wie es um ihr Selbstwertgefühl bestellt ist. Außerdem beschreibt sie, wie Gehirn und Hand bei der Handschrift zusammenarbeiten und schlussfolgert daraus, dass sich mit jedem „Pinselstrich“ beim Schreiben Eigenschaften oder Glaubenssätze in uns einschreiben. Das heißt also, wenn wir immer wieder auf eine bestimmte Art einen Buchstaben formen, dann verfestigen wir die damit verbundene Eigenschaft.
Aus dieser Schlussfolgerung macht sich Vimala Rodgers Gedanken, was denn passieren würde, wenn man seine Handschrift ändert und bezieht sich dabei auf die Grafotherapie. Diese Form einer Therapie war mir bis dahin unbekannt. Mit Grafotherapie ist vornehmlich die Schreibbewegungstherapie gemeint. Bei dieser Therapieform besteht das Ziel darin, Schreibschwächen abzubauen, auch auf körperlichen Ursachen basieren, etwa in der Körperhaltung oder in Körperverspannungen Kindern soll geholfen werden, die sehr unleserlich und verkrampft oder sehr langsam schreiben oder gar das Schreiben als schmerzhaft empfinden.
Da die Grafotherapie auch mit Erkenntnissen der Grafologie arbeitet, hebt Vimala Rodgers in ihrem Buch hervor, dass Grafotherapeuten Klienten helfen, Schreibmuster zu verändern, um zum Beispiel „negative Gedankenmuster zu beseitigen“ (S. 15). Inwiefern das praktiziert und wie verbreitet das ist, kann ich aus meinen Recherchen nicht ableiten. Im Buch jedenfalls ist dies ein wichtiger Punkt für die Autorin, da sie als junge Studentin eine Vision entwickelt:
„Da jeder Federstrich mit dem Stift ein Denkmuster bekräftigt und jedes Denkmuster unser Selbstbild formt und das Selbstbild die Linse ist, durch die wir das Leben betrachten, und diese Linse folglich unser Verhalten bestimmt, wenn ein Alphabet entwickelt würde, das nur die erstrebenswertesten, menschlichen Eigenschaften aufwiese, wäre Weltfrieden möglich.“ (S. 16)
Aus dieser Vision heraus, entwickelt Vimala Rodgers nach und nach ein „eigenes“ Alphabet – das Vimala-Alphabet. Und darum geht es im zweiten Teil des Buches. Dort erklärt sie ihre Buchstaben, wie diese geformt sind und was diese Ausgestaltung bedeutet bzw. was wir damit bei uns ändern können. Darüber hinaus geht sie auch darauf ein, wie wir auf ein Blatt Papier schreiben sollten. Dazu gehören Aspekte wie die Lineatur, Seitenränder sowie die Ausrichtung der Buchstaben und der geschriebenen Linien.
Kritik am Konzept der Autorin
Und damit bin ich mittendrin in meinem Zwiespalt. Thematisch finde ich das sehr spannend. Auch ich habe mich mit 16 Jahren schon einmal mit Grafologie beschäftigt und versucht, Handschriften zu lesen bzw. Charakterzüge daraus zu entziffern. Ebenfalls mag ich den Ansatz, sich mit der eigenen Handschrift zu beschäftigen und darüber vielleicht auch Wesenszüge von sich zu reflektieren. Alles was mir hilft, auf mich zu blicken, finde ich interessant und nutze ich ganz gerne, um über mich nachzudenken. Jedoch gehe ich damit reflektiert um und sehe darin keine wahren alles umfassenden Systeme, die mein Leben bestimmen. Und hier liegt meine Kritik an dem Buch. Vimala Rodgers schreibt sehr überzeugt von ihren Zuschreibungen zu den Buchstaben und davon, wie ihre Schrift Dinge in unserem Leben zum Positiven verändern kann. Ebenso sind ihre Anmerkungen zum Umgang mit dem Schreiben auf dem Papier sehr genau.
Konkret sieht das folgendermaßen aus:
Vimala Rodgers hat klare Vorstellungen davon, wie wir am besten auf einem Blatt Papier schreiben sollten: auf weißem Papier ohne Linie, im Querformat mit viel Rand links, oben und unten, wohingegen wir ruhig bis ganz an den Rand rechts schreiben können. Und das Ganze in Schreibschrift mit teils verbundenen Buchstaben, am besten mit Buchstaben ihres Alphabets.
Was sieht sie zum Beispiel in den Rändern? Der obere Rand auf dem Papier steht laut der Autorin für uns Verhältnis zu Autoritätspersonen. Setzen wir sehr weit oben an und haben nur einen sehr engen oberen Rand, dann ist der Widerstand gegenüber Autoritäten und auch Anweisungen und Verbesserungsvorschlägen recht groß. Diese Menschen könnten eine Bitte schnell als Befehl auffassen. Daher gibt die Autorin an, ein sehr guter oberer Rand sei 4 cm breit.
Der Buchstaben K geht in eine ähnliche Bedeutungsrichtung. Dieser Buchstabe spiegelt unser Verhältnis zu Autoritäten wider. Die alte Schreibschriftform mit Schleife zeigt an, „dass man seine eigenen Wünsche aufgeben und die Forderungen anderer annehmen muss, um respektiert zu werden.“ (S. 151) Wenn das K unausgeglichen geschrieben ist, dann vermutet die Autorin eine unterschwellige Aufsässigkeit, weshalb sie ein K in Druckschrift entwickelt hat, um den Umgang mit Autoritäten ausgeglichen zu gestalten. (S. 151-152)
Dem Buchstaben F spricht sie Kreativität zu. Hierbei geht es darum, seine versteckten Talente freizulegen, die eigenen Talente anzuerkennen und „zum Wohle der Gesellschaft“ (S. 141) auszuleben.
Noch mehr Kritik und Fragen
Grundsätzlich sind die Ausführungen der Autorin nachvollziehbar, warum diese oder jene Eigenschaft angestrebt werden sollte. So zum Beispiel beim Buchstaben V, bei dem es darum geht, sein Leben selbst zu gestalten, seine eigenen Entscheidungen unabhängig von anderen zu treffen, also sein Leben nicht nur nach anderen auszurichten.
Und doch werfen einige Punkte die Frage bei mir auf, warum man sich jene Eigenschaft ab- oder angewöhnen sollte. Wie entscheidet Vimala Rodgers das und vor allem wie begründet sie das? Das tut sie nämlich nicht. Sollte man eine Eigenschaft ablegen, die einen dazu befähigt, Autoritäten zu hinterfragen und sich auch gegen sie zu stellen? Sieht sie darin nur eine Aufmüpfigkeit? Das bleibt mir zu vage und zu sehr von ihrer Sicht geprägt.
Um mich davon zu überzeugen, fehlen mir Beweise. Sie bezieht sich zwar zu Beginn des Buches auf die Grafologie, die bislang nicht wissenschaftlich anerkannt ist, doch dann schreibt sie darüber, wie sie sich weiter mit Schriften beschäftigt hat und dann kommt schon das Alphabet. Aber die Zusammenhänge stellt sie nicht dar, sie verweist nicht auf andere Quellen. Und dass sich Änderungen bei Menschen vollziehen, die ihre Handschrift ändern, belegt sie nur mit ihren Kursteilnehmern und -teilnehmerinnen. Sie berichtet also viel aus ihren Erfahrungen heraus, also aus anekdotischer Evidenz, und das ist unwissenschaftlich.
Fazit
Ich habe an dem Buch einiges auszusetzen. Und doch bin ich davon so fasziniert, dass ich es vorstellen möchte. Denn mir hat die Arbeit damit einfach Spaß gemacht. Dieses Buch bietet einen direkten und einfachen Zugang zur Reflexion der eigenen Handschrift und leicht verständliche Anweisungen, an einzelnen Buchstaben zu arbeiten. Es regt an, sein Handschreiben neu zu erleben und sich auszuprobieren. So war für mich zum Beispiel die Anregung wertvoll, ein Blatt im Querformat zu beschreiben, denn es bewirkt einen Perspektivwechsel, bringt mich aus meinem gewohnten Schreiben heraus und öffnet mir so neue Räume.
Mir hat es auch Spaß gemacht, mit einigen der Buchstaben zu experimentieren und so habe ich tatsächlich einiges an meiner Handschrift verändert, was ich mittlerweile sehr mag. Ob sich dadurch Änderungen meiner Eigenschaften oder Glaubenssätze eingestellt haben, die Vimala Rodgers in ihrem Buch beschreibt, weiß ich gar nicht so genau. Das erste Ausprobieren mit dem Buch fand bei mir 2018 statt. Die ersten beschriebenen Blätter und die Ursprungsanalyse habe ich leider nicht mehr. Aber mir wurden schon Komplimente zu meinem r und auch z gemacht. 🙂
Wem empfehle ich das Buch?
Allen, die Spaß an Handschriften haben und Anregungen suchen, sich mit dem Thema näher zu befassen. Das Buch ist mit 166 Seiten überschaubar, leicht geschrieben und enthält viele Übungen. Es ist damit mehr ein Buch zum Arbeiten als zum Schmökern. Ob sich etwas im Leben verändert und was man ändern möchte, kann jede Leserin für sich selbst herausfinden. Wer sich noch mehr für die Deutungen von Handschriften interessiert, der würde ich raten, noch weitere Bücher zur Grafologie zu lesen. Wem es nur darum geht, sich Handschrift schöner zu machen, kann hier fündig werden, wenn ihr das Alphabet gefällt. Ansonsten müssten sich diese Personen wohl ein anderes Buch heraussuchen.
Warum ich es bei aller Kritik besprechen wollte? Weil es mir vor Jahren in die Hände gefallen ist und ich Freude daran hatte, damit zu üben. Das Thema ist faszinierend und dieses Buch bietet auch einen Einblick in die Grafologie. Doch wer mehr zur Grafologie wissen möchte und vielleicht auch prüfen will, ob die Deutungen von Vimala Rodgers stimmen, der sollte sich weitere Bücher dazu ansehen.
„Ändern Sie Ihre Handschrift und Sie ändern Ihr Leben“ von Vimala Rodgers
(Ratgeber / Arbeitsbuch 2015 bei Lüchow erschienen)
Hier kommst du zur Website der Autorin: Vimala Rodgers
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Warum du dich überhaupt mal wieder mit dem Handschreiben beschäftigen könntest, erfährst du in unserem neuesten Blogbeitrag “Die Kraft des Handschreibens”
Weitere Bücher zum Thema Grafologie und Handschreiben hat Jana in Ihrem Bücherschrank stehen:
„Das große Buch der Graphologie – Was Ihre Handschrift verrät“ von Ludwig Klages
„Kalligrafie – Schreiben als Kunst“ von Nuesret Kaymak
Weitere Inspirationen übers Schreiben gibt es einmal im Monat in unserem Newsletter.
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