Morgenseiten, Künstlertreffs & Co. – meine Bilanz zu einem Kreativitäts-Klassiker.

Ich liebe Schreibratgeber und Schreib-Arbeitsbücher, Bücher voller Übungen und Anregungen, die einen zurück zum eigenen kreativen Schreiben führen oder einen sich selbst besser kennenlernen lassen. So stehen in meinem Bücherregal einige davon, z.B. Ich schreibe mich schlank von Silke Heimes, Schreiben als Weg von Anna Platsch, Sich ins Leben schreiben von Liane Dirks. In fast allen habe ich gestöbert, Übungen ausprobiert, mich selbst dabei neu entdeckt. Aber ehrlicherweise habe ich keines dieser Bücher von vorn bis hinten durchgearbeitet. Weitere solcher Bücher, die bei mir leben, sind Bücher von Julia Cameron. Sie ist (für mich) irgendwie die Klassikerin unter den Schreibratgeber-Lebens-Kreativitäts-Büchern (gibt es für dieses Genre eigentlich einen treffenden Namen?). 

Mein erstes Buch von Julia Cameron war aber nicht ihr bekanntestes. Ich besorgte mir zuerst Die Kunst des Schreibens – naheliegend, da ich mich vor allem im Schreiben zu Hause fühle. Doch ihr eigentliches Erstlingswerk, der Klassiker unter den Kreativitätsratgebern, kam erst später dazu und stand seitdem fast unangetastet im Regal: Der Weg des Künstlers. Doch von März bis Juli 2026 habe ich mich schließlich darauf eingelassen – wie genau diese Reise für mich war, erzähle ich in einem eigenen Blogpost. Hier soll es erstmal um das Buch selbst gehen.

Aufbau des Buches

Das Buch umfasst 15 bzw. 16 Kapitel (das letzte trägt den Titel „Anhang“). Nach einer kurzen Einführung folgt ein längeres Kapitel über Julia Camerons eigenen Weg, bevor die eigentlichen zwölf Wochen-Kapitel beginnen – jedes Wochen-Kapitel steht unter einem eigenen Thema bzw. Gefühl, wie das Gefühl der Identität, das Gefühl der Macht, das Mitgefühl oder das Gefühl der Autonomie. Den Abschluss bilden ein Epilog und ein Anhang mit weiteren Inspirationen.

Gerade das zweite Kapitel, über den Weg der Autorin, war für mich eines der spannendsten. Ich wusste, dass sie Ratgeber schreibt, und aus einem ihrer Bücher, dass sie auch Gedichte verfasst. Dass sie aber ebenso Drehbuchautorin und Regisseurin ist bzw. war, war mir nicht bewusst. Noch spannender fand ich, dass sie mit Martin Scorsese verheiratet war und eine Tochter mit ihm hat. Das ist nicht nur ein interessanter Klatsch-Fakt, sondern schwingt beim Lesen ihrer Empfehlungen irgendwie auch mit.

Am Ende dieses Kapitels stellt Cameron drei Grundtechniken eines kreativen Lebens vor, die sie selbst nutzt: die Morgenseiten, den Künstlertreff und den Künstlervertrag. Der Künstlervertrag ist dabei die Ausgangsbasis – man vereinbart quasi mit sich selbst, sich auf die zwölf Wochen einzulassen und sie der eigenen Kreativität zu widmen. Morgenseiten und Künstlertreffs sind dann das Herzstück, das jede Woche wieder aufgegriffen wird. In Deutschland bzw. unter uns Schreibbegeisterten ist Cameron vor allem für die Morgenseiten bekannt (behaupte ich) und vielleicht sind diese sogar bekannter als sie selbst, wenn ich an die vielen deutschsprachigen YouTube-Videos zum Thema denke (wobei ich nicht immer sicher bin, ob dort überhaupt auf sie verwiesen wird).

Wie die Wochen-Kapitel funktionieren

Jedes Kapitel beginnt mit einer Erzählung, enthält Aufgaben und endet mit einer Reflexion. Ich schreibe hier bewusst das Kapitel beginnt mit einer Erzählung, nicht Erklärung, denn Cameron berichtet viel von ihren Erfahrungen und denen anderer Menschen, z.B. ihrer eigenen Kursteilnehmenden. So erfuhr ich auch, dass Julia Cameron dieses 12-Wochen-Programm auch als Kreativitätskurse vor Ort geleitet hat. 

Die Kapitellänge ist recht ausgeglichen, die Aufgaben dagegen variieren stark in ihrer Intensität: mal eine kurze Liste, mal ein Spaziergang oder eine Collage, die mehr Zeit brauchen. Manche Aufgaben stehen für sich und lassen sich in beliebiger Reihenfolge machen, andere bauen aufeinander auf. Für mich war das eine echte Herausforderung – ich konnte keinen festen Tag in der Woche für die Aufgaben reservieren, weil schwer einzuschätzen war, wann und wie sie am besten in den Alltag passen. Jede Woche schließt außerdem mit einer Reflexion ab: zu den (im besten Fall täglichen) Morgenseiten, zu den Künstlertreffs und zu Themen, die während der Woche aufgetaucht sind. Das Arbeiten mit dem Buch ist damit insgesamt sehr schreiblastig. Für mich persönlich ist das ideal, aber das sollte man vorher wissen, wenn man selbst nicht in erster Linie übers Schreiben zu sich findet.

Was mich begeistert hat

Was mir an dem Buch besonders gefällt: Julia Cameron schreibt mit ansteckender Begeisterung. Sie ist selbst Künstlerin und kreativ – aber nicht auf so eine Art, die an das einsame Genie denken lässt. Vielmehr entdeckt sie Kreativität in ganz vielen Dingen und ermutigt dazu, einfach für sich selbst kreativ zu sein, ganz ohne den Anspruch, daraus eine bezahlte künstlerische Tätigkeit machen zu müssen (wozu sie durchaus auch ermutigt, aber eben nicht als Bedingung). Ich spüre beim Lesen, wie viel eigene Erfahrung dahintersteckt und genau dadurch wird auch ihre Begeisterung greifbar.

Was mir aufgefallen ist

Auffällig ist außerdem, wie stark sich Camerons eigenes Leben und ihre Identität im Buch spiegeln: Sie ist US-Amerikanerin, religiös-christlich geprägt, und ihr Glaube an Gott ist ein wiederkehrendes Thema. Auch ihre eigene Kunst, das Drehbuchschreiben und ihre Arbeit als Regisseurin, fließt immer wieder ein. Sie spricht zwar über Kreativität ganz allgemein und bezieht verschiedene Kunstformen ein, insgesamt bleibt das Buch eher schreiblastig.

Und ich würde behaupten: Man merkt schon, dass Julia Cameron dieses Buch zu einem Zeitpunkt verfasst hat, als sie sich schon einiges erarbeitet hatte und somit vielleicht günstige Arbeitsbedingungen hatte: Sie kennt Menschen in Hollywood, hat einen bekannten Namen und vermutlich auch finanziellen Spielraum (das kann ich allerdings nicht wirklich einschätzen). Dadurch ließen sich manche ihrer Vorschläge für mich nicht immer leicht übertragen. Mein größtes Problem war tatsächlich, die vielen und teils umfangreichen Anregungen überhaupt in meinen Arbeits- und Familienalltag zu integrieren. Und nicht zuletzt: Das Buch erschien 1992 – Dinge wie Social Media kommen entsprechend gar nicht vor. An der ein oder anderen Stelle würde daher eine Überarbeitung dem Buch guttun.

Wem ich das Buch empfehle

Empfehlen kann ich Der Weg des Künstlers allen, die über sich als kreative Person nachdenken und ihre Kreativität wiederentdecken möchten, allen, die Lust auf kreative Aufgaben und eine Entdeckungsreise zu sich selbst haben. Ein Tipp dazu aus meiner Erfahrung: Man sollte locker mit den Aufgaben und Wochen umgehen, sich nicht selbst unter Druck setzen, alles erfüllen zu müssen – das ist völlig in Ordnung, das betont auch Julia Cameron selbst oder sich einfach wirklich viel zeit für die Aufgaben einplanen. 

Und man könnte sich zum Ende hin auch schon überlegen, was man aus den zwölf Wochen mitnehmen möchte bzw. wie man die Kreativität in seinen Alltag integriert ohne das Buch. Denn sonst bricht die Reise einfach ab. Zumindest ist mir das passiert. Wie ich damit umgehe, ist im Schreibblog hier zu lesen. 

– Nora – 

„Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron

(Ratgeber, 2019 erschienen bei Knaur.Leben, erste Veröffentlichung 1992)

Zur Autorin: Julia Cameron 

Zum Buch: Der Weg des Künstlers

Von Julia Cameron gibt es noch Bücher, bei denen es darum geht, die Kreativität aufrecht zu erhalten und zu schützen: „Den Weg des Künstlers weitergehen“ oder auch „Mit offenen Augen durch die Welt: Neue Wege zu mehr Kreativität“

Und in ihrem Buch „Spirituelle Führung auf dem Weg des Künstlers: Die neue vierte Säule zur Aktivierung unserer Kreativität | »Weg des Künstlers« – Das Sechs-Wochen-Programm“ fügt sie spirituelle Führung als viertes Element hinzu.

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