Vergängliche Wunder aufbewahrt.

Kennst Du das: Du hast etwas ganz Zartes, Unschuldiges, friedlich Poetisches entdeckt und möchtest anderen gern davon erzählen. Wie könntest Du diesen Zauber bewahren? Wie die Worte finden? So geht es mir. So ging es wohl Titus Müller. So ging es Wilson A. Bentley. 

Der Schneekristallforscher

Titus Müller hat uns eine biographische Erzählung geschenkt, in der er uns respektvoll und poetisch von Wilson A. Bentley erzählt, dem Schneekristallforscher. Wilson Bentley (1865-1931) war ein Mensch, der staunte, der in der Natur die Kleinigkeiten bemerkte, die der großen Welt ihren Zauber verleihen. Er sah diesen und wollte die Menschen auch staunen machen. Er nutzte nicht Worte dafür. Nein Bilder. Anfangs skizzierte er Schneekristalle. Bald aber fand er einen anderen Weg: Sein Herzensprojekt war es, Schneeflocken zu fotografieren. Dabei hinterließ er der Menschheit eine Sammlung von über 5300 Fotos.

Allerdings hatte er es nicht so leicht, er konnte sich nicht bedingungslos seinen Schneeflockenstudien hingeben. Auch er musste daheim einer ganz alltäglichen Arbeit nachgehen, sich tätig in die Familie einbringen, die Aufgaben des Vaters auf der Farm in Jericho (Vermont) übernehmen zusammen mit seinem Bruder Charles. 

Arbeiten und Staunen

Und genau das zeigt diese kleine Erzählung. Wir erleben Wilson Bentley 1887 als jungen Mann, der den Ahornsirup von den Bäumen erntet und im Zuckerhaus kocht, der Kühe melkt, sich um die Felder kümmert, der beim Zuckerfest mitwirkt und den Kindern des Dorfes Freude bereitet. Und wir begleiten ihn durch die Natur, betrachten Bäume und Schneeverwehungen mit seinen Augen. Denken mit ihm über den Zauber nach, lernen Mina Seeley kennen und diskutieren mit ihr über das Göttliche.

Mina begegnet er gleich zu Beginn der Geschichte. Sie ist als Vertretungslehrerin neu im Ort und wärmt sich in dem Zuckerhaus auf. Natürlich hat sie schon von Wilson Bentley gehört und hält ihn für einen Spinner, weil er Schneeflocken sammelt. 

„Ich sammle sie nicht in Einweckgläsern. Ich fotografiere sie.“
„Hat man mir gesagt. Trotzdem sehe ich keinen Sinn darin. Ich will Ihnen nichts vormachen.“
„Haben Sie schon mal die mikroskopische Aufnahme einer Schneeflocke gesehen?“
Sie runzelt die Stirn.
„Sehen Sie? Sie lachen über etwas, das Sie nicht kennen.“
„Jeder kennt Schnee.“ Es klang trotzig, wie sie das sagte.
„Im Gegenteil. Niemand kennt ihn…“ (S. 9)

Schneeflocken sammeln

Und so sehen wir beim Lesen Wilson Bentley dabei zu, wie er eine Schneeflocke einfängt, auf sein Samtbrett legt, behutsam in seinen kalten Schuppen bringt und mit seiner selbstgebauten Apparatur aus Mikroskop und Kamera eine Fotografie für Mina anfertigt. Er muss aufpassen, die Luft anhalten, damit das zauberhafte Objekt sich nicht vor seinen Augen auflöst. Und genau das fasziniert ihn. Er untersucht genau, bei welchen Temperaturen es die größten und schönsten Schneekristalle schneit und wann sie schrumpfen, eher wie Platten aussehen. Akribisch notiert Wilson Witterung und Temperatur, um die Veränderung der Gestalt der Schneekristalle zu verstehen. 

Eine bewundernswerte Frau

Zwischen Mina und Wilson entsteht eine Verbindung, gerade so zart wie die fotografierten Gebilde. Mina lässt sich auf den Spinner ein, lernt Wilson kennen und sieht die Schneekristalle so, wie er sie sieht. Und wie schön sie diese Momente auch findet, Mina hat ein eigenes Leben, eigene Verpflichtungen, die sie aufrichtig und stark bewältigt. Und so fahren wir in dieser Erzählung auch mit dem Zug durch die östliche Landschaft, sehen die gerade vollständige Freiheitsstatue, ziehen durch die gefährlichen Straßen des New Yorks 1886.

Ein schönes Buch in der Hand

Das Buch ist nicht nur inhaltlich schön. Es liegt hier in einer Neuausgabe vor, die dem Zauber der Geschichte gerecht wird. Vor jedem Kapitel finden wir eine neue Schneeflocke. Das Format ist klein und schmiegt sich wunderbar in die Hand. Das Cover erscheint klassisch und feierlich. Ein perfektes Winterbuch, eine umfassend recherchierte biographische Erzählung (das wird aus dem Dankeswort ersichtlich). 

Doppelte Inspiration

Ob Wilson A. Bentley tatsächliche eine solche Liebe erlebt hat, das wage ich nicht zu beurteilen. Ich wünsche es ihm. Seine Arbeit, seine Geduld, sein Blick für die Kunst im Kleinen, im Vergänglichen, in der Natur inspirieren mich und erfüllen mich mit Demut. Und zugleich inspiriert diese biographische Erzählung. Dem Autor ist es gelungen, all das Wirken und auch die harten Lebensumstände behutsam einzufangen und abzubilden. Er erzählt das Wesentliche, das Besondere, das Poetische. Ich verstehe Wilsons Staunen.

–  Jana –

„Der Schneekristallforscher“ von Titus Müller

(Erzählung, Neuausgabe 2024 veröffentlicht bei Heyne, 2013 als Taschenbuch bei adeo Verlag)

Hier gelangst du zum Roman beim Verlag: Der Schneekristallforscher
Hier kommst du zur Website des Autors: Titus Müller

Ein Museum für Wilson A. Bentley
In Jericho wurde ihm zu Ehren ein Museum von der Jericho Historical Society eröffnet. Auf der dazugehörigen Website bekommst du Eindrücke davon, wie Wilson Bentleys Heimatort aussieht, was das Museum ausstellt. Du kannst etwas über sein Leben und Schaffen erfahren und sogar Texte von ihm lesen, in denen er die Magie von Schneeflocken beschreibt und erklärt, wie er sie fotografiert hat. Snowflake Bentley

Ein Bilderbuch über Wilson A. Bentleys Kindheit:
In unserem Bücherregal findest du die Vorstellung des künstlerischen Bilderbuchs “Der Schneeflockensammler” von Robert Schneider (Text) und Linda Wolfsgruber (Illustrationen).

Blogpost mit Anregungen fürs Innehalten und Staunen im Tagebuch:
In unserem neuesten Blogpost “Literarisches Schreiben im Tagebuch” regen wir dazu an, die Umgebung mit all seinen Details und die Menschen in ihren Begegnungen zu beobachten, genau wahrzunehmen und zu beschreiben.

In Haiku schreiben über den kürzesten Monat widmen wir uns den Haikus als zarte Poesie und warum sie glücklich machen können.