Mit einer Seite beginnt es – Ein unterhaltsamer Streifzug durch die Welt des Lesens.

Meike Winnemuths Buch „Eine Seite noch“ ist eine witzige und nachdenkliche Hommage an das Lesen. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise durch ihren persönlichen Lesesommer – von Mai bis Oktober. In dieser Zeit liest sie sich durch die vielfältige Welt der Bücher, reflektiert über ihre eigenen Lesegewohnheiten und teilt ihre Eindrücke auf eine unterhaltsame und ansteckende Weise.

Sie lässt uns teilhaben an ihren Gedanken und Entdeckungen über Bücher und das Lesen. Dabei beantwortet sie weniger die Frage, die als Untertitel auf dem Buch steht: „Warum wir gerne lesen“, sondern gibt vielmehr Einblicke in die Texte, die selbst in dieser Zeit liest und lässt uns an den Gedanken teilhaben, die ihr dabei über das Lesen und die Bücherwelt kommen. 

Das Buch ist in Monatskapitel geteilt, jeder Lesemonat ist geprägt von bestimmten Büchern und einem Phänomen der Bücher- und Lesewelt. Jedes Kapitel endet mit einer Übersicht der Bücher, die Winnemuth in dieser Zeit gelesen und gehört hat. 

Der Einstieg

Das Buch beginnt auf der Flurbank der Autorin Meike Winnemuth. In ihrem Flur steht ein Bücherregal und gegenüber ihre Bank, auf der sie sich ihre Schuhe anzieht. Dabei schaut sie gern hinüber ins Regal und lässt sich zu einem Schwatz mit einem Buch verführen. Sie zieht eines der Bücher heraus, schlägt es auf irgendeiner Seite auf und liest ein wenig. Wenn sie es nicht eilig hat, dann bleibt sie schon mal etwas länger sitzen. Und manchmal wandert dieses Buch dann auch auf ihren Lesestapel im Wohnzimmer. Schon damit zieht die Autorin mich in eine Lesewelt hinein, dich interessant finde. Die Vorstellung ein Buch irgendwo aufzuschlagen und ein bisschen darin zu lesen, klingt eigenwillig und doch reizvoll. Nachahmenswert? Vielleicht.

Die Lese-Monate beginnen

Mich zieht es gleich in das Buch hinein und die Monate mit Meike Winnemuth beginnen. Ich lerne ihre Buchwelt kennen, wo sie liest und was sie liest. Und wandere mit ihr durch die verschiedenen Phänomene, die das Lesen von Büchern so begleitet. Sie ist schon auf Seite 34 bei einem Thema, das mich schon in der Schule beschäftigt und verärgert hat. Die Art wie im Deutschunterricht versucht wird, ein Buch zu interpretieren und man herausarbeitet, was der Autor eigentlich sagen wollte, so als gäbe es da nur diese eine Antwort. Meike Winnemuth antwortet darauf: „Ein Buch braucht ein Gegenüber, um zum Leben erweckt zu werden. (…) Zwischen diesen Zeichen gießen wir Lesenden alles, was wir mitbringen an Neugier, Empathie, Wissen, Humor, Lust, Geduld. (…) Das Buch ist der Frosch, der von uns geküsst werden muss, alle produzieren ihren eigenen Prinzen.“ (S. 34) Weiterhin schreibt sie: „Ein Buch wird mit jeder Lektüre neu erfunden. Lesen ist nicht nur passives Konsumieren eines Textes, sondern ein aktiver kreativer Prozess (…), der Sinn entsteht im Dialog zwischen dem Geschriebenen und dem Lesenden.“ (S. 34)

Einen Lese-Kanon?

Und weiter streife ich mit ihr durch die Monate, Bücher und Lese-Erkenntnisse. Im Juni wirft die Autorin zum Beispiel die Frage nach dem Lese-Kanon auf. Ein Thema, das ich mit Jana auch schon öfter am Wickel hatte. Hier beweist die Autorin auch einen leicht bissigen Humor, aus meiner Sicht: 

„Die berühmte ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher, die Ende der Siebziger Jahre erstmals die Idee des Kanons popularisiert hat, war von sechs alten weißen Männern ausgesucht worden, die Bücher von 99 toten alten weißen Männern auf den Sockel hoben (Ausnahme: Anna Seghers, immerhin war sie tot)“ (S. 61).

Doch sie räumt ein, dass man sich als Lesebegeisterte nicht so leicht diesen Listen entziehen kann: „Das Fiese an Bestenlisten aller Art: Auch wenn man wild entschlossen ist, sie zu verlachen und zu ignorieren, so sind sie doch für Bücherjunkies absolut unwiderstehlich. Und sei es nur, weil man sich so herrlich darüber aufregen kann“ (S. 63). 

Lesen und drüber Reden

Damit steigt Meike Winnemuth auch in den Literaturbetrieb und die Welt der Literaturkritik ein; erzählt von einem Gespräch mit Dennis Scheck über Literatur und seine Literatursendung sowie der Begeisterung vieler Menschen für den NDR Podcast eat.READ.sleep. Auch Meike Winnemuth redet gern mit anderen über Bücher und ist schon seit vielen Jahren Mitglied in einem Lesezirkel. Dort wird sie auch immer wieder zu Bücher angeregt oder verpflichtet, die sie sonst vielleicht nicht lesen würde. Wobei es dann auch schon mal zu Buchabbrüchen kommt und im Lesezirkel dazu, dass Menschen über Bücher reden, die sie gar nicht gelesen haben (oder nicht zu Ende). 

Genre und Lesegeschmack

Neuen Genres stellt sich die Autorin auch, als sie – zunächst etwas widerwillig – die Lesechallenge der New York Times annimmt. Dadurch liest zum ersten Mal ein Romantasy-Buch und stellt fest, dass dieses Genre einfach nicht ihr Fall. Ja, sie macht sich auch ein bisschen darüber lustig. Danach geht sie aber darauf ein, dass sie dafür ein anderes Genre entdeckt hat, dass ihr sehr wohl gefällt und dass sie auch eher unter guilty pleasure einordnet: „warmherzige Romane über Buchhandlungen und die lebensverändernde Kraft der richtigen Lektüre zur richtigen Zeit“ (S. 104) – kurz „cosy Buchhändlerprosa“ (S. 105). 

Von hier aus macht sich die Autorin Gedanken darüber, warum wir eigentlich was gerne lesen, warum uns ein Genre gefällt und ein anderes nicht. Dafür liest sie sich durch einige Forschung und stellt kurz verschiedene psychologische Ansätze vor. Ihr nüchternes Fazit dazu: „Beziehungsstatus Mensch-Buch – es ist kompliziert.“ (S. 108). Und am Ende haben wir alle eben unterschiedliche Geschmäcker. Darum ist es irgendwie schade, dass sie ein neu entdecktes Genre als guilty pleasure abwertet, wo es dir doch aber gefällt. 

Noch einiges mehr

Weitere Themen, die im Buch von der Autorin aufgegriffen werden, sind: Was passiert beim Lesen eigentlich in unserem Gehirn und ist das Hören von Hörbüchern dasselbe wie das Lesen von Büchern, und sie beendet das Buch mit der großen Frage: Wie sortiert man eigentlich seine Bücher zu Hause am besten und wie viele Bücher sollte man wohl so besitzen.

Fazit

„Eine Seite noch“ ist ein Buch für alle, die Bücher lieben – und für alle, die sich vielleicht auch immer mal wieder Fragen zu ihrem Leseverhalten oder ihrer Bücherwahl stellen. Ich fand das Buch kurzweilig, unterhaltsam und voller Inspiration. Mir hat es Anregungen zum Nachdenken geschenkt und vor allem viele konkrete Buchempfehlungen.

„Eine Seite noch. Warum Lesen uns so glücklich macht“ von Meike Winnemuth

(Sachbuch, 2026 erschienen bei Penguin)

Zur Autorin: Meike Winnemuth

Zum Buch: Eine Seite noch

Meike Winnemuth erzählt begeistert von ihrem Lesezirkel. Auch wir sind Mitglieder in einem Buchclub. Hier kannst du nachlesen, wie du selbst einen Buchclub gründen kannst.

Ein besonderer Punkt in dem Buch war das Thema Literaturkanon. Darum möchten wir dich auf folgende Bücher hinweisen:

Frauenliteratur von Nicole Seifert

Dichterinnen und Denkerinnen von Katharina Herrmann

Ich schreibe, also bin ich von Simone Frieling

Regelmäßige Einblicke in unser Autorinnenleben, neueste Erkenntnisse rund ums Schreiben sowie kleine Schreibimpulse kannst du monatlich in dein Postfach erhalten mit unserem Newsletter.